Regioblog

Artikel und Meinungen aus Südhessen

Was für ein Zukunftstyp ist deine Stadt …

Von Peter Löwenstein • 22. Mrz 2006 • Kategorie: Alle Artikel, Demografie, Groß-Umstadt, Studien, Südhessen

Die Bertelsmann Stiftung hat den Wegweiser Demografie veröffentlicht.

Zum Hintergrund bietet der Spiegel eine Serie an, aktueller Beitrag Deutschland schrumpft.

Wer schnell mal wissen will, was auf seine Stadt zukommt, woran es in der kommunalen oder regionalen Entwicklung fehlt und was für Chancen der Ort zukünftig noch bietet, der kommt beim Wegweiser Demografie auf seine Kosten.

Natürlich wird sich jeder einigermassen zukunftstaugliche Kommunalpolitiker in die Analysen und Handlungskonzepte einlesen, (was für viele Regionalberater den Ausfall von Beratungshonorar für die Erstellung von kommunalen Stärken-Schwächen-Analysen bedeuten könnte).
Andererseits dient das Angebot auch ideal als Wegweiser für Neubürger auf der Suche nach dem richtigen Städtchen in der Region. Wie wertet der Wegweiser Demografie die zukünftige Entwicklung der Stadt, lohnt sich der Hinzug oder nicht lieber doch ein paar Kilometer weiter in der günstigeren Nachbarkommune jetzt ein günstiges Immobilienschnäppchen suchen bevor der grosse Run kommt ?

Die Analysen können als eine gute Entscheidungsgrundlage von “Empty Nesters” und “Golden Agers” genutzt werden, ob das viel zu große Häuschen nach dem Auszug der Kinder besser jetzt verkauft werden sollte bevor der örtliche Immobilienmarkt absackt weil viele wegziehen werden oder doch erst später, weil dem Ort eine gute Zukunft vorhergesagt wird.

Der Wegweiser Demografie sagt von sich:

Die Auswirkungen des demographischen Wandels, Alterung, Schrumpfung und Migration, betreffen alle Kommunen in Deutschland. Der Wegweiser Demographischer Wandel will den Kommunen helfen diese Herausforderungen zu analysieren, lokale Strategien zu entwickeln und diese zu implementieren. Der Wegweiser liefert Daten, Prognosen und Konzepte für 2.959 Kommunen in Deutschland. 85 Prozent der Bevölkerung leben in den untersuchten Kommunen mit mehr als 5.000 Einwohnern. Für 15 kommunale Demographietypen wurden die lokalen Herausforderungen des demographischen Wandels identifiziert und differenzierte Konzepte entwickelt.

Nehmen wir mal Reinheim in Südhessen, vom Typ 3, d.h. rückläufige Wachstumserwartungen – und noch mit Chancen auf eine mit dem bisherigen Wachstum vergleichsweise gedämpfte Zukunft, insgesamt gerade noch Schwein gehabt – wenn die kommunalen Politiker jetzt das Steuer herumreißen, wozu Handlungskonzepte angeboten werden.

Gerade in Südhessen wird auch deutlich erkennbar: In diesem verdichteten Raum locken andere Kommunen drei Ecken weiter Neubürger mit zukünftig günstigeren Rahmenbedingungen. Die Website bietet hierfür den direkten Vergleich zwischen bis zu 6 Kommunen an: Beispiel Reinheim im Vergleich mit Groß-Umstadt, Dieburg, Groß-Zimmern, Otzberg und Ober-Ramstadt.

Ich stell mir übrigens die Frage, ob solche Studien und Analysen den Charakter einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung haben. Städte und Regionen mit einem guten Stiftung – Bertelsmann – Orakel werden einen noch stärkeren Zulauf von gut informierten einkommensstarken Bürgern erleben – anderen Orte mit weniger guten Einschätzungen werden den Niedergang schneller erleben, zurück bleiben die schlecht Informierten.

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4 Kommentare »

  1. Eine hochinteressante Studie auch und gerade für Unternehmen. Wo finde ich ausreichend qualifizierte Mitarbeiter, wo habe ich aufgrund der Bevölkerungsentwicklung wachsende Absatzmärkte sind nur zwei von vielen Fragen, die die Studie der Bertelsmann Stiftung beantwortet. Wenn für die Stadt Chemnitz im Zeitraum bis 2020 die Bevölkerung um fast 17 Prozent abnehmen wird, dann heißt das für eine Kelterei wie wir es sind, daß dort eben auch wesentlich weniger Verbraucher künftig als Safttrinker zur Verfügung stehen. Umsatzrückgänge dramatischer Art sind programmiert. Andererseits zeigt die Studie für Dresden eine positive Entwicklung auf (der Effekt der Schuldenfreiheit durch den Verkauf der städtischen Wohnungen ist hier noch gar nicht berücksichtigt). Hier wächst die Bevölkerung um gut drei Prozent im Prognosezeitraum mit den entsprechenden wirtschaftlichen Auswirkungen.

    Und damit ist auch Ihre Mutmaßung, lieber Herr Löwenstein, das solche Studien den Charakter einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung haben, beantwortet. Städte und Regionen, die verlieren werden, werden jetzt schneller verlieren. Städte und Regionen, die eine positive Entwicklung nehmen werden, werden schneller eine magische Anziehungskraft ausüben, insbesondere für gut ausgebildete und gebildete Menschen. Wie ein Staubsauger werden diese „Leuchttürme“ die Städte und Regionen noch stärker als bisher leersaugen, die wenig oder gar keine Perspektiven für ihre Menschen aufzuzeigen haben.

  2. Na wenn das denn so kommt, daß die Sogwirkung durch die “Leuchttürme” schon mit dem Bekanntwerden der Studien und Analysen (wie die von der Stiftung Bertelsmann) einsetzt, dann muß das laut und deutlich gesagt werden.

    Krasses Scenario: Was nutzt einem Bürgermeister einer als nicht zukunftsfähig abgestempelten Stadt die Planung und Einrichtung von seniorengerechten Wohnungen, bedarfsgerechten Kultur- und Einkaufsmöglichkeiten usw. wenn der dafür eingeplante Bürger jetzt in diesen Monaten gute Gründe für seinen Abschied findet und in die in den Studien als besser kategorisierten Städte der Nachbarregionen hinüberschielt? Und dann auch abwandert?

    Die Meilensteine der zukünftigen demografischen Entwicklung werden, so seh ichs, durch die in den letzten Wochen und Monaten veröffentlichten Studien und Analysen (nachzulesen beim Berlin Institut, in Geo, beim Spiegel und und und ) ein ganzes Stück in unsere Gegenwart hineingerückt.

    Daraus ergibt sich, das für viele Bürgermeister und Landräte das demografische Problem noch plötzlicher als gedacht zur wichtigsten der zu lösenden Aufgaben wird.

  3. Ich könnte nun mit Harry G. Frankfurt mit “Bullshit” antworten. Im Übrigen ein lesenswertes Büchlein, bei Suhrkamp endlich in Deutsch erschienen, aber ich möchte Albrecht Müllers neues Buch “Machtwahn” vor allem empfehlen. Dort erfährt man auch, dass gerade die Bertelsmann-Stiftung die Think-Tank-Vorarbeiten für unsere “tollen [Re]formen” gemacht hat. So eine “Revolution von oben” hat nur einen Vorteil: Sie rentiert sich nur für die oberen paar Prozent.
    Mehr Infos unter http://www.nachdenkseiten.de
    Wer über Mittelmäßigkeit cineastisch sich informieren will, der sollte Milos Forman “Amadeus” wieder anscheuen. Wirklich ein toller Film.

    Mir graut es vor dem Volk der ehemaligen “Dichter und Denker”. Es ist ein Volk der “Hirnlosen” geworden. PR- und mediensüchtig und jenseits aller Ratio. Und noch etwas: Wie war das nach den Kriegen, wo die meisten der produktiven “Bevölkerung” ins sprichwörtliche Gras gebissen haben? Ich denke nicht, dass wir ein demografisches Problem in Deutschland haben, sondern eher ein Problem der Frage: Wer kann noch selber denken?
    Kant lässt auch im beginnenden 21. Jahrhundert grüßen, aber wer grüßt zurück?

    Liebe Grüße

    Claudia Troßmann

    PS. Morgen ist hessische Kommunalwahl. Gehen Sie wählen. Danke!

  4. [...] Das Reinheim in Zukunft schwer abspecken wird müssen wird neues Wasser auf die Mühlen der DKP in Iwwero giessen. Das die WASG und die linke Liste genauso wie FDP, FWG, SPD und die Grünen in Iwwero keinen Stich gemacht haben zeigt auch, dass die DKP in Reinheim Iwwero eine neue Heimat für die Wähler links von der CDU wurde. Spätestens nach Auszählung aller Stimmen wird Reinheim ein weiteres Mal in den Blickpunkt der regionalen Wahlberichterstattung gerückt werden. [...]

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