Wer mit offenen Augen den Odenwald als Lebensraum erlebt kommt nicht drumrum, die viel zu vielen Rehe zu bemerken. Die kleinen Setzlinge in neu angelegten Schonungen werden regelmässig aufgefressen, die Rinde der Bäume durch Abfressen geschädigt.
Selbst in kommunalen Handlungsleitfäden wird auf die Gefährdung des Odenwälder Waldbestandes durch den zu dichten Rehbestand hingewiesen.
Wikipedia sagt: “Seit der Ausrottung großer Raubtiere (Wolf, Luchs) in weiten Teilen Europas haben die erwachsenen Tiere dort keine natürlichen Fressfeinde. Trotz erheblicher Jagdstrecken wuchs der Rehwildbestand in den letzten Jahrzehnten. Während in den 1970er Jahren die Zahl der erlegten Tiere in Deutschland noch zwischen 600.000 bis 700.000 Stück lag, wurden in den letzten Jahren jeweils etwa 1.100.000 Rehe erlegt. In älterer Fachliteratur wird eine Populationsdichte von 10 Rehen je 100 ha als artverträglich angesehen. Da Rehe ihrer Heimlichkeit wegen aber nicht zählbar sind, sind Fachleute mittlerweile von der Nennung konkreter Bestandeszahlen abgekommen. Der vom Rehwild verursachte Wildschaden, insbesondere der Verbissschaden in Waldverjüngungen, führt dazu, dass seitens der Waldwirtschaft eine verstärkte Bejagung für niedrigere Bestände gefordert werden. Der jährliche Mindestabschuss an Rehwild wird in der Bundesrepublik Deutschland von den unteren Jagdbehörden festgesetzt und überwacht.”
Die Verantwortung für die Erreichung der Mindestabschusszahlen tragen die Jagdpächter. Und die tun für ihr Jagdwild sehr viel: Im Winter wird zum Beispiel trotz aller gegenteiligen Behauptungen nach wie vor regelmässig Mais gefüttert, bevorzugt in unmittelbarer Reichweite zum nächsten Jagdansitz.
Die Wildforschungsstelle Baden-Württembergs in Aulendorf (übrigens von Jägern geführt) ermittelte bei den Jägern in Baden-Württemberg eine Zufütterungsmenge von 250 – 300 kg(!) Mais pro erlegtem Schwarzkittel (Wildschein). Diese Zahlen sind gut auf ganz Deutschland übertragbar.
Zum Vergleich, welche Auswirkungen dies hat: 1927 stand in Brehms Tierleben das Wildschwein in Deutschland als nahezu ausgestorben beschrieben. 2004 wurden dann ca. 500.000 Tiere von Jägern erlegt, der enorme Zuwachs der Tierbestände sind nur durch die massive Zufütterung durch die Jagdpächter zu erklären. Da Jäger viele gut entwickelte Tiere vor die Flinte bekommen wollen, werden die Tierbestände regelrecht gemästet.
Der einzige verbliebene natürliche Freßfeind des Rehs neben dem Wolf ist der Luchs. In diesem Jahr ist nun der Luchs so oft und gut dokumentiert im Odenwald gesichtet worden, daß Experten davon sprechen, daß ein kleiner Restbestand in hessischen Wäldern über die Jahre wohl nicht nur überlebt hat, sondern sich auch mittlerweile im Bestand vermehrt.
Ich bin sehr gespannt, wie die örtlichen Jagdpächter reagieren werden. Die früheren Berichte anerkannter Kritiker deutscher Jagdtraditionen lassen da wenig Spielraum für eine allzu optimistische Zukunftsprognose:
Die in der Öffentlichkeit “vorgegaukelte Hege-Ideologie” sei nichts anderes als eine “gezielte Trophäenzucht”. Es sei “jagenden Zahnärzten und Rechtsanwälten” nicht übel zu nehmen, dass sie gegen “horrende Jagdpachten” der Landesforstverwaltungen einen dichten Tierbestand erwarteten. Aber die Behauptung der Verbände, die Jagd sei “angewandter Naturschutz”, ist für den Kritiker eine “ungeheuerliche Beschönigung dessen, was in unseren Wäldern tagein tagaus stattfindet”.



