Wie ist das Verhältnis zwischen dem Regioblog, der auch als politischer Blog gelesen wird, und den regionalen Zeitungen gewachsen?
Die 3 grössten regionalen Zeitungen Südhessens sind das Darmstädter Echo, die Frankfurter Rundschau und die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Man sieht sich hier und dort auf Kreistagssitzungen, trotzdem: Die Kontakte mit den Redakteuren und freien Mitarbeitern sind sehr lose.
Die interessantesten Erfahrungen machte ich mit dem Echo.
Ich beziehe mich hier nur auf die Eindrücke, die ich als Autor des Regioblog mit dem Untertitel “Artikel und Meinungen aus Südhessen” gemacht habe. Fairerweise muss ich auch anmerken, daß bei meinen anderen Projekten vor allem die freien Mitarbeiter des Echo über das jeweilige Projekt wohlwollend berichteten.
In meinen ersten wirklich kreisweit beachteten Artikeln über einen Landrat, dessen Fahrer wegen Kindermissbrauch auch mit Hilfe seines Dienstfahrzeuges mittlerweile verurteilt wurde, schrieb ich meine persönliche Meinung, daß das damalige Verhalten des Landrats so nicht ok war. Zweierlei geschah: Ich verlor damals einen wichtigen kommunalen Auftraggeber. Und aus meinem Artikel hier im Regioblog wurde vom Echo nahezu wörtlich meine Meinung in den eigenen Artikel übernommen, allerdings ohne Quellenangabe. Das ehrt und ärgert jeden Autor in Einem – und ist gegen den Kodex. Der Redakteur, ein Urgestein der Zeitung, meinte auf meine freundliche persönliche Vorsprache, daß er meine Formulierungen aus einer Pressemeldung einer Partei übernommen habe, ohne dies allerdings jemals belegt zu haben. Mein Anruf bei der Chefredaktion brachte mir zwar eine telefonische Entschuldigung, aber auch einen pikierten Leiter der verantwortlichen Lokalredaktion, der mich von da an mit keinem Blick mehr würdigte.
Was war geschehen? Erstmal wusste der Redakteur vermutlich nicht, was ein Blog ist. Blog? Irgendso was wie eine Kaninchenzüchter-Homepage mit täglichen Pressemeldungen, verfasst von einem engagierten Schreiberling ohne journalistische Ausbildung, der froh ist, wenn über deren Rammlerclub mal von der einzigen regionalen Zeitung berichtet wird …
Daß die regionale Zeitung aus Darmstadt die Berichterstattung aus der südhessischen Region als ihr angestammtes Monopol ansieht und diese Einstellung auch in Südhessen durchsetzen konnte, kann auch aus dem Verhältnis der Zeitung zum Presseamt der Kreisverwaltung und der Städte in Südhessen abgeleitet werden. Ein schöner Batzen des Anzeigengeschäftes der Zeitungen fliesst aus den vorgeschriebenen amtlichen Veröffentlichungen der Kreisverwaltung und ihrer Betriebe. Vorgeschrieben ist dabei lediglich, daß amtliche Mitteilungen veröffentlicht werden. Also nicht, in welchem Medium veröffentlicht wird. Tatsächlich findet sich in vielen Satzungen der Kreisbetriebe ein ähnlicher Absatz wie dieser aus der Satzung des größten Zweckverbandes des Landkreises, der Senio. Diese schreibt vor:
§ 19 Öffentliche Bekanntmachungen (Link)
1.
(1) Diese Verbandssatzung, ihre Ergänzung oder Änderung sowie sonstige öffentliche Bekanntmachungen des Zweckverbandes werden im Darmstädter Echo veröffentlicht.
Zur Abrundung sind hier vielleicht noch zwei Hinweise notwendig:
Es gibt Kommunen, die mittlerweile das Geld für teure Anzeigen in den Tageszeitungen komplett einsparen und ihre öffentlichen Bekanntmachungen nur noch im Internet auf der eigenen kommunalen Homepage veröffentlichen. Das ist ein weiteres aufziehendes Schreckgespenst des Internet für regionale Printzeitungen.
Mag sein daß ich mich irre, aber müssten nicht von der Kreisverwaltung laut Vergaberecht mindestens drei Angebote von Zeitungen eingeholt werden, um den günstigsten Anbieter mit der Veröffentlichung zu beauftragen? Stattdessen wird per Satzung daß Auftraggeber-Auftragnehmer Verhältnis zwischen der Kreisverwaltung und der regionalen Zeitung zementiert. Im Stillen frage ich mich, warum das Dutzend der kostenlosen Anzeigenblätter des Kreises stillhält, anstatt in einem gemeinsamen Vorstoß an diesem Monopol zu rütteln.
Für mich ist also nachvollziehbar, daß Zeitungsredakteure mit einer in Jahrzehnten eingeschliffenen Berufspraxis zu ihren lokalen Nachrichtenquellen stinkig werden, wenn sie wie in meinem Fall vom Autor gefragt werden, warum sie nicht als Quelle den Regioblog angeben. Schliesslich gilt fürs Darmstädter Echo: Seit wann kennzeichnet eine Lokalredaktion für ihre Leser deutlich erkennbar, daß sie in ihrem Zeitungsbericht aus der Pressemeldung des historisch bedeutenden Rammlervereins oder der des Presseamtes der Kreisverwaltung oder eben einem Blog abgeschrieben hat? Auch hier zur Abrundung: Unter den Autoren von Blogs sind solche Quellenangaben üblich, erwünscht und gut zu realisieren durch die dahinterliegende Technik von Trackbacks und anderem technischen Internetzeugs.
So, dieser Teil ist erstmal ohne die üblichen Links zu den Quellen – und liest sich damit wie ein Echo Artikel. Morgen ist auch noch ein Tag



