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Artikel und Meinungen aus Südhessen

1:43 Minuten geballte Aufmerksamkeit

Von Peter Löwenstein • 16. Sep 2008 • Kategorie: Alle Artikel, Meinung

Der Ypsilanti Mitschnitt zeitigt bei der FAZ heute diese Zeilen:

Zu stoppen aber ist die Sache nicht. Kaum wird der Mitschnitt bei Youtube gelöscht, taucht er wieder auf, wenn nicht hier, dann anderswo im Internet. Irgendwer wird schon dafür sorgen, dass man hören kann, was Andrea Ypsilanti mit dem falschen Franz Müntefering bespricht, auch wenn es sich dabei um eine flagrante Verletzung des Persönlichkeitsrechts handelt. Youtube weist seine Nutzer sogar darauf hin, dass sie die Aufnahme löschen könnten, doch wäre das, schreibt das Internetportal, “nicht im Sinne der deutschen Wähler”, denn die seien “dankbar für ungeschönte Einsichten in politisches Denken in Deutschland”.

Mitschnitt-Technik

Youtube hat mehr Ahnung wie die Internetgemeinde auch bei politischen Themen tickt. Was mich doch wundert, wenn ich mir so anschaue, wie wichtig Politikern sonst ihr Auftritt ist, und wieviel Kompetenz im Stab eines Abgeordneten und seines Parteivorsitzenden versammelt sind. Offenbar taugt die theoretische Medienkompetenz noch nicht so viel.

Bisher war ich der Meinung, daß heimlich aufgenommene Mitschnitte von vertraulichen Gesprächen der Abgeordneten und Politiker daß falsche Mittel der Informationsvermittlung sind.

Nicht umsonst werden diese am Rande von politischen Sitzungen in einer Flurecke, per Telefon oder hinter vorgehaltener Hand geführt. Ich bin da etwas altmodisch und meine, daß nicht jeder Satz aus seinem Kontext herausgerissen werden kann, um ihn zu beispielsweise zu Bloggen …

Doch wenn Youtube meint, dass die “deutschen Wähler dankbar sind für ungeschönte Einsichten in politisches Denken”, – ist dies dann die moderne, zeitgemäße Sichtweise? Heißt dies nun, dass die Art und Weise der Beschaffung mittlerweile egal geworden sind, solange es nur ein berechtigtes Interesse am Inhalt gibt? Wobei Berechtigung hier meint: Solange das Publikum den Inhalt anklickt?

So ist es wohl. CD’s wurden schwarz kopiert, dann Musikstücke im Internet getauscht und mittlerweile wird alles ausgetauscht, was nur irgendwie über das Internet transportiert werden kann. Gleichzeitig verloren gegangen ist damit die Kontrolle über die tatsächliche Wirkung des eigenen Ausdrucks und darüber, wer mir zuhört. Damit überholt sind zum Beispiel: Gesetzliche Verwertungsrechte am eigenen Werk, das belastbare Vertrauen darüber zu wissen, wer mir beim vertraulich gesprochenen Wort zuhört, oder wer mitschneidet, wenn man seinen Tagesabschnittsgefährten am Rande des Weinfestes oben im Wingert küsst, -wohin auch immer-, um dass dann wenige Minuten später zu youtuben, um damit für 5 Minuten einmal der King zu sein.

Für Politiker offenbart sich aus dem hohen Publikumsinteresse am gefakten Ypsilanti/Münteferring Mitschnitt etwas ganz Neues: Sie können im Internet gefragt sein, für fast Null Euro Aufwand.

Bisher waren ihre Multiplikatoren in Richtung Wähler die etablierten Journalisten und Talkshowmoderatoren. Jetzt wird der Verlust über eine verläßliche, sich selbst aussteuernde Kontrolle der Multiplikatoren bei den traditionellen Medien erkennbar.

Dafür öffnet sich ihnen ihr nicht wählender Wähler im Internet. Ich bin mir sicher, daß die 1:43 Minute Mitschnitt einige Leute angehört haben, die ich sonst eher bei HR3 im Pisaalarm vermutet habe. 1:43 geballte Aufmerksamkeit im Internet sind für Politiker ein echter Gewinn, und dies meine ich ohne jede Ironie.

Und natürlich wird das rechtliche Vorgehen der von Ypsilanti oder der hessischen SPD eingeschalteten Anwälte nicht einen Download des gefakten Münteferringanrufs verhindern. Vielleicht muß man daß auch erst verstehen lernen; was seine Zeit braucht und wofür man auch runterschlucken können muss, wenn einem nicht spontan zum Lachen zumute war… Was die FR heute im Kommentar der hessischen SPD ja glatt nachsagt.

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