Patrick Beuth der FR-Online bleibt heute bei rottenneighbor seltsam gelassen. Die hohe Aufmerksamkeit wäre durch die Medien und Blogger hochgezüchtet worden:
“Viel Wirbel – dabei ist das Ende der Aufmerksamkeit für die öffentliche Nachbarschaftsschelte bereits abzusehen. Zu sehr ähneln sich die Anfeindungen, zu gering ist der Nutzwert, als dass die Seite lange interessant bleiben könnte. Sobald die Medien und Blogger mit dem Thema durch sind, werden die Abrufe wieder klar sinken. Das Abendland wird nicht untergehen.”
Zweimal musste ich bei diesen Zeilen schlucken. Dem Argument der sinkenden Abrufzahlen und dem Begriff Abendland.
Natürlich werden die Abrufzahlen von rottenneighbor wieder sinken.
Das ist wie beim Lotto, wenn der Jackpot voll ist. Ist er geknackt, wird’s ruhiger in den Annahmestellen. Und welchen Lottospieler interessiert die Frage des Nutzwertes? Der besteht aus viel Fantasie. Trotzdem spielen Millionen jede Woche und noch mehr wenn der Jackpot zweistellig wird.
Sagt uns das aktuell kommende Nachlassen der Klickzahlen aber auch, was von rottenneighbor an weiteren Angeboten kommen wird? Und wie bereitwillig die nächste Ausbaustufe dann von uns angenommen wird?
Ich rechne mit sowas wie: Rotteneighbor + Youtube + georeferenzierte Polizeimeldungen/Videokameras/Agenturmeldungen. Eine Bastel-Bild im Internet für kleinste regionale Zusammenhänge im eigenen Viertel und das Geschehen auf dem Weg zum und am Arbeitsplatz.
Rottenneighbor ist ein Ding der Fantasie, rund um die zeitlos interessante Frage: Was denken die anderen über mich, als Nachbar, als Chef oder als Dienstleister. Das Internet kann diese Frage so einfach wie nie zuvor beantworten.
Die Frage ist: Was ist im Internet glaubwürdig? Was bisher als Hort von Glaubwürdigkeit galt, geht in seiner Bedeutung verloren. Die Frage der Glaubwürdigkeit von Quellen ist mittlerweile für viele unerheblich geworden. Die Nutzer von rottenneighbor halten sich mit dieser Frage gar nicht mehr auf.
Geglaubt wird jetzt vielmehr den Meldungen, die scheinbar auf genug Fakten aufbauen. Fakten, die so nur echte Feinde, wirklich böse Nachbarn oder tatsächliche Ex-Freundinnen wissen können. Glaubwürdig bei rotteneighbor ist eine Frage der geschickten Konstruktion von Vornamen, Körpermaßen und -merkmalen, und typischem Verhalten des Angeschwärztem.
Weil Rottenneighbor ein Ding der Fantasie ist, wurden die Quatschgerüchte vor drei Wochen über die angebliche Zensur von rottenneighbor extra und nur für deutsche Nutzer bei uns auch so leicht geglaubt? Weil es hätte ja sein können, offenbar wurde eine empfindliche Stelle der Deutschen getroffen. Heute ein paar Wochen später fragt keiner mehr nach, warum eigentlich so ein offensichtlicher Quatsch bis in die Alpha-Blogs und Newsportale der IT-Kultur hineingetragen werden konnten. Dort wurde aus einem “Das scheint so zu sein” oft ein “Das ist so”. Auch ein Verlust von Glaubwürdigkeit.
Der andere Satz, der mich nervt: “Das Abendland wird nicht untergehen”
Heute schließt der Begriff “Abendland” die gesamte durch gemeinsame Werte verbundene westliche Welt ein. Die letzten, politisch relevanten Diskussionen über die Bedeutung des Begriffs “Abendland” versandeten in den 1960er Jahren ergebnislos. Einen Nachhall finden sie in jüngster Zeit in der Leitkultur-Debatte den Auseinandersetzungen zwischen den Befürworten westlicher Werte und Anhängern des islamischen Fundamentalismus. Quelle: Wikipedia
Ich sag mal: Die Idee hinter Rottenneighbor wird nicht untergehen. Die Bedeutung von “Abendland” ist dagegen nicht mehr definiert und interessiert auch nicht mehr, außer jemand will eine gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, hier gegen den Islam, anheizen. Was ja zum Thema passen würde.



