Zeitungspapier nur noch zum Fischeinwickeln?
Südhessen (pdh) Die globale Finanzkrise hat seit Monaten auch die Zeitungs- und Zeitschriftenbranche fest im Griff. Einschlägige Mediendienste berichten seit Wochen täglich über Massenentlassungen und redaktionelle Zusammenlegungen im journalistischen Bereich, Drucker verlieren ihre Jobs, obwohl sie nach wie vor gebraucht und nach der Entlassung zu Dumpinglöhnen weiterbeschäftigt werden sollen. Hauptsache, die Neuanstellung im neuen Druckzentrum bedeutet keinen so genannten Betriebsübergang. Natürlich gelten am neuen Arbeitsplatz keine Tarifverträge. Die Verlage zeigen ihr hässliches Gesicht.

Nicht nur die Drucker sind hart getroffen, die Sparmaßnahmen gelten auch für Journalisten. Die hauptberuflichen unter ihnen werden mit zusätzlichen Aufgaben betraut, bekommen eine Kamera in die Hand gedrückt und dürfen zu ihren Berichten vermehrt auch noch die Fotos anfertigen. Früher war dies die Aufgabe von ausgebildeten Pressefotografen. Aber journalistische Qualität gilt schon lange nicht mehr als Maßstab oder erstrebenswert in der provinziellen Presse. Vielleicht rühren auch daher Gedanken der Verleger, bestimmte Kreisredaktionen zu schließen.
Diese haben sich nun auch noch Sparmaßnahmen für ihre vielen regelmäßigen Freien Mitarbeiter einfallen lassen. Viele Aufträge fallen weg, denn findige Sparkommissare in den lokalen oder Landkreis – Redaktionen haben neue sichere Lösungen für das schnelle weitere qualitative Abgleiten der ländlichen Tageszeitungen gefunden. Sie bitten zukünftig, das ist jetzt kein schlechter Scherz sondern Realität, die Vereine und Organisationen, Veranstalter und Parteien, doch selbst über ihre Veranstaltungen zu berichten. Neutral natürlich, aber vor allem kostenlos, Fotos selbstverständlich inklusive. Es müssen nur noch Veranstalter oder eine Partei gefunden werden, die journalistisch kritisch und ausgewogen über eigene Inhalte berichtet. Denn Eigenlob soll bekanntlich stinken.
Für die Leser bestimmter täglicher Presseorgane in Südhessen gilt es nun, auf den Lokal- und Landkreisseiten vor dem Lesen zu filtern, welche Artikel ein noch festangestellter und neutraler gelernter Redakteur verfasst hat und welche Berichte die interessierten Vereine oder Parteien in Eigenregie und selbstredend uneigennützig ohne jeden werblichen Hintergedanken geschrieben haben.
Semiprofessionelle Berichterstattung
Heißt, man kann zukünftig auf diese Seiten der Tageszeitung getrost verzichten, sofern man es nicht zuvor schon konnte, weil selbst viele politischen Inhalte, bei seriösen Zeitungen Chefsache oder die der ausgebildeten Kräfte, von ungelernten freien Mitarbeitern bearbeitet wurden. In einem besonders krassen Fall in Südhessen darf seit langem ein Freier Mitarbeiter, der tagsüber einem geregelten medienfreien Beruf nachgeht, über Parteitage oder Veranstaltungen der politischen Parteien berichten, unter anderem auch der Partei, in der er selbst Mitglied ist. Kein Aufreger in der Provinz, eher Normalfall mittlerweile.
Nun soll aber niemand meinen, Tageszeitungen im provinziellen Südhessen erfüllten keinen Zweck mehr. Weit gefehlt, es gibt genug Verwendungsmöglichkeiten für solche Druckerzeugnisse. Der Gemüsehändler wickelt seit Generationen gern das Suppengemüse darin ein und auch von Fischhändlern wird berichtet, dass sie gelegentlich ihre flossige Ware in die Tageszeitung wickeln. Einen Unterschied zur früheren Nutzung wird es dennoch zukünftig geben: früher stank die Zeitung erst, nachdem der Fisch darin lag.

