Eben entdeckte ich per Twitter den Service graffi.me
Dieser Service bietet eine Twitterwall an. Neu daran ist, dass die Auswahl der angezeigten Twitts regionalisiert angezeigt werden kann, auch mit Suchwortanzeige. Hier die Ausgabe für Berlin, ohne weitere Filterung.
Lokalredaktionen werden solche Lösungen im Auge behalten. Ich frage mich, ob sie regionalisierte Twitts nicht gut gefiltert in die eigenen Onlineseiten integrieren sollten.
Warum regionalisierte Twitter-Walls mit einer guten Filterung und Verknüpfung zu anderen Informationsebenen (z.B. Google Maps, oder dem Artikelarchiv themenverwandter Artikel der Zeitung) als Service Sinn machen:
- Was in regionalisierten Twitts zu lesen ist, reflektiert auch das Geschehen im Landkreis.
Schneller als bei Twitter kann der Leser seinen Nachbarn im Internet nicht aufs Maul schauen – außer er geht raus. Wer sich jedoch via Internet informiert, was für Themen im lokalen Geschehen aktuell den Lesern – Wählern – Kunden auf den Nägeln brennen, der kommt ums Lesen regionalisierter Twitts nicht drumrum. - Regionales Finden von Spezialisten und Besitzern von Nischenwissen.
Mit einem regionalisiertem Twitter kann der Leser die Nachbarn entdecken, oder empfehlen lassen, die ihm mit ihrem Wissen Lösungen anbieten können.
Auch die Vermittlung von einmaligen Dienstleistungen und Kooperationen wie “Wer baut mir einen Gartenteich, Preisvorstellung 600.-€?” oder “Suche Babysitter, für heute Abend” oder “Plane am WE eine Radtor von Darmstadt in den Odenwald, wer noch, wo kann ich mich anschliessen?” macht mit regionalisierter Twitterfilterung erst Sinn.
Der Vorteil: Kurze Wege, schnelle Terminvereinbarungen. Für alle Lösungen und Kooperationen außer Onlinespielen, Programmieren und ähnlichen Dienstleistungs-Brimborium wird das persönliche Gespräch und die Leistungserbringung vor Ort in der echten, realen Welt weiter entscheidend bleiben. - Twitter als Quelle für Berichte und Bilder über neue lokale Ereignisse..
Ein Beispiel für weltweit interessante Neuigkeiten: Als Jacko starb, erfuhr ich davon bei Twitter, aber auf der eigenen Regioblog-Twitterwall beim zufälligen Mitlesen. Dieser Unterschied war wesentlich: Ich kannte den Absender, der drei Orte weiter lebt, vertraute ihm, da von ihm bis jetzt nie Mist zu lesen war und glaubte damit der Meldung stark genug, um eigene Recherchen zu starten.
Eine ganze Weile später erst sendete das TV erste Meldungen über die “unbestätigte” Einlieferung von Jacko ohne Atmung und Herzschlag in das Hospital. Da wusste ich jedoch schon: Jacko ist für tot erklärt worden – Twitter vom Flur des Krankenhauses. Ich schaute auf die Uhr. Wäre ich in einer Zeitungsredaktion gewesen, dann wäre diese Meldung noch in Druck gegangen. Die lokale Tageszeitung ging tatsächlich erst zwei Tage später mit einer Umfrage, wie die Bewohner in Schaafheim den Tod von Jacko wegstecken in ihrer gedruckten und der Online Ausgabe auf das Thema groß ein. Zwei Tage später. Zu dem Zeitpunkt war Twitter schon mehrmals zusammengebrochen und ächzte immer noch unter der Last der Beileidsbekundungen und “Ich bin traurig” Meldungen. Wieso sollte mich, wenn ich das Selbe regionalisiert bei einem Twitter-Mashup-Service nachlesen kann, dann überhaupt noch interessieren, was nur Schaafheimer Bürger über den Tod von Jacko denken – sind die Schaafheimer ein so besonderer Menschenschlag oder was?Für regionale Neuigkeiten mit sofort erkennbarer breiter Leser oder Hörerbasis macht Twitter noch viel mehr Sinn. Der hessische Rundfunk mit HR3 bemühte letzte Woche seine Hörer: Twittert uns, wo bei euch aktuell die Gewitter toben. Wir melden dass dann im Radio.
- Nachrichtenrecherche
Ein Gedankenspiel:
Stellt euch einen Lokalreporter vor, in der Zeit vor Twitter: Er weiß nur, dass irgendwann irgendwo etwas passiert, von dem er hoffentlich frühzeitig genug erfährt. Weil er direkte Drähte zur Feuerwehr, zur Polizei und zum Pressereferenten des Landrats hat. Daraus entsteht ihm ein zeitlicher Vorteil.
Und jetzt denselben Lokalreporter , in der Twitterzeit. Ein einziger Vorteil nur ist geblieben: Der Draht zum Landrat. Alle anderen Arten von lokalen Ereignissen sind per Twitter unmittelbar nach dem Ereignis nachzulesen.
Über das lokale Geschehen kann man bei Twitter schnell erfahren, wenn die Meldungen über lokales Geschehen mit guten Filtern thematisch aufbereitet werden.
Noch mal zurück zum Vorteil durch den “Draht zum Landrat”, also lokale politische Nachrichten als nur versteckt gehandelte Neuigkeiten. Wenn jetzt sogar die Abgeordneten anfangen, Abstimmungsergebnisse aus der Wahlkommision der Bundespräsidentenwahl zu twittern, und sich dieses als Trend durchsetzt, dann bleibt auch von diesem Vorteil nicht viel übrig.Weitere Beispiele: Ergebnisse der unteren Spielligen. Kurzfristige Verlegungen oder Absagen von Spielbegegnungen. Vorletzte Woche wurde erst die Spielabsage bei einer American Football Begegnung in Darmstadt getwittert, weil eine der Mannschaften zuwenig Spieler im Kader hatte.
Außerdem bietet Twitter für Redaktionen eine neue Rechercheform – betrachtet diese 4 möglichen Geschehen:
- Das Wetter heute: Gewittrig. Nur wo wird es runterkommen?
- Der Umzug mit der Vollsperrung der Innenstadt von Reinheim oder Groß-Umstadt oder Stockstadt beginnt um 14.00. Viele wissen das noch nicht.
- Die lang geplante Radtour quer durch den Odenwald wurde von Vielen schon gestartet. Trotz den ersten beiden Punkten./li>
- Beim Zwischenstopp im Biergarten findet man keine freien Plätze.
Das Geschehen zu den 4 Stichwörtern passiert heute – und wird sich bei mehr als nur einem Einzelnen mit allen 4 Ereigniseintritten kumulieren. Twitter ist die einzige Form der Nachrichtenübermittlung, wo ich nachlesen kann, wer dass außer mir noch ist, was den Anderen dabei noch passiert ist und wie das Geschehen konkret abgelaufen ist. Diese Mitteilungen über das mir Geschehene, das auch anderen so passiert ist, lockt Leser. Bis jetzt funktioniert so im Radio bei SWR3 eine Top-Hit Wunschstaffel. Pünktlich zum Beginn des Freitagsnachmittagsstaus nennt der Moderator einen betroffenen Autobahnabschnitt, deren Stausteher sich ihre Titel wünschen dürfen. Der vermittelte Trost: Ich bin nicht alleine im Stau.
Für Informationen über diese kleinen, zeitlich kurzen, Ereignisse, die viele im gleichen regionalen Raum betreffen ist, ohne den Umweg über das Radio, Twitter unschlagbar.
Im mikroregionalen Raum ersetzt Twitter zukünftig das Abhören von Polizei- und Feuerwehrfunk, und liefert aktuelle Infos zu Großveranstaltungen – und die Bilder der Twitter gleich mit.
Diese Bausteine für Geschichten zu filtern, um sie als Redakteur dann selbst auch durch weitere Recherchen zum Artikel auszubauen und interessant zu erzählen geht erst seit Twitter und das ist eine definitiv neue, noch weitgehend unbeachtet gebliebene Qualität der Nachrichtenrecherche.
Wer bei Großveranstaltungen auf dem Lande (gestern mein jüngstes Erlebnis dazu passend: Die Reinheimer Feuerwehrtage) die Bildreporter der Lokalredaktion herumirren sieht, auf der Suche nach dem besten Bild, dass die Story gut darstellt, der fragt sich ob von diesen die Mondlandung im Internet verschlafen wurde.
Was soll man fotografieren? Die Verleihung der Ehrenurkunde durch den Landrat? Sich auf die Tribüne neben die Lokalprominenz stellen, um diese beim Winken des vorbeiziehenden Umzugs abzulichten? Nicht schon wieder – da gähnen sogar die beteiligten Feuerwehrleute selbst. Was dann? Der gegenwärtige beliebteste Weg für die Bildreporter ist: Eine Bildergalerie mit hunderten Fotos. Damit werden aber keine Geschichten erzählt. Und genau da könnte Twitter weiterhelfen. Vielleicht die Geschichte erzählen über die Oldtimer-Feuerwehrfahrzeuge, die drei Tage lang ein fester Bestandteil der Feuerwehrtage sind – und vom Publikum heiss geliebt werden. Aus ganz Deutschland reisen diese Oldtimer Liebhaber an, suchen im letzten Moment vor Beginn der Sternfahrt noch wichtige Ersatzteile, knüpfen vor Ort Kontakte und reisen wieder zurück. Mich würde reizen, dass per Twitter auf den Online Seiten einer lokalen Zeitung zu einer großen Geschichte zu verweben, an der die Leser und die Oldtimer-Liebhaber mit eigenen Twitts und ihren Bildern mitwirken können.
Sollte eine Zeitung ihre lokale Kompetenz in der aktuellen Berichterstattung behalten wollen, dann kommt sie an einer intensiven Beschäftigung mit Twitter als regionalisierten Service nicht vorbei.
Mehr dazu:
- Beispiel einer regionalisierten Twitterwall hier im Regioblog auf der Titelseite, in der linken Spalte. Dort filtere ich Twitter mit einer leistungsfähigen Eigenentwicklung (Spam-Filter mit Blacklist und optionaler Whitelist, im Backend einstellbare Suchbegriffe und Suchverknüpfungen, auch Ortangaben und Umkreisdurchmesser, multiple Twitter-Quellen als Inputlieferanten und optionale RSS-Feedausgabe des Output) aus der hiesigen Region rund um Darmstadt und Dieburg.
- Beispiel einer regionalisierten Twitterwall zum Tode von Michael Jackson, die Anzeige berücksichtigt nur Twitts mit eingetragener Location im Raum Darmstadt-Dieburg, auch hier ist ein defensiver Spamfilter eingeschaltet.
- Twitter könnte Bundestagswahlen torpedieren




Hallo,
im Artikel sind schöne Beispiele.
Wichtigste Frage: Warum sollten die Verlage mit Twitter rummachen, bei geschätzen 10.000 Nutzern in D? Selbst bei den aktuell hohen Zuwachsraten an neuen Titterusern bleibt für eine Lösung im regionalen Raum Zeit.
RT