Dies war der Moment, als mir dämmerte, wie kompetent die Piraten sind: Gestern beim gut besuchten Darmstädter Stammtisch redete man über die Medienkompetenz der Jugendlichen und Kinder. Wer soll Kindern erklären, was im Internet gut ist? Sollen das die Eltern besorgen? Alleine? Oder auch die Erzieher in den Kindergärten? Oder später dann die Lehrer und die Sozialpädagogen in den Jugendzentren? Wer? Da beugte sich Fabian, 23 Jahre etwas vor, und sagte: “Macht euch da mal nicht soviel Gedanken drum. Die Kids erwerben ihre Internet- Kompetenz selbst. Ich kenne da ein 13 jähriges Mädchen, was die programmiert ist unglaublich. Die Kinder bekommen das untereinander schon selber klar. Die Älteren erklären das den Jüngeren.”
Ich erinnerte mich an eine Veranstaltung gar nicht weit weg von hier im Schulzentrum auf der Marienhöhe im letzten November (Bericht hier im Regioblog). Dort erzählten Pädagogen von ihren Defiziten im Wissen darum, wie Kinder und Jugendliche am besten mit dem Thema Internet umgehen sollen. Und einige gestanden offen ein, dass sie ihnen selbst fehlt: Medienkompetenz. Andere vermissten für ihre pädagogische Arbeit die passende Weiterbildungsmöglichkeiten, den Ratschlag und die Unterstützung, wie sie ihren Schülern am besten den Umgang mit dem Internet beibringen. Und ab welchem Alter man den Kindern den Umgang mit dem Computer überhaupt erlauben sollte.
Viele Pädagogen stellten fest, dass die Entwicklung von Kindern im Alter bis zu 8 Jahren durch den unkontrollierten und zeitlich nicht beschränkten Umgang mit Computern enorm gestört wird.
Doch am meisten Zustimmung fand ein Mann, der davon erzählte, dass er großen Erfolg mit einem Modell hat, in dem die älteren Jugendlichen den jüngeren Kindern erklärten, wie man was im Internet und mit den neuen Medien macht, und was Mist ist. Anschließend setzte man sich dann für die Workshops zum Arbeiten neu zusammen. Und der Mann mit seinem Modell war am Besten besucht, dort standen die interessierten Pädagogen bis in den Flur hinaus. Natürlich leuchtete das ein: Sollen doch die etwas Älteren den jüngeren erklären, wie sie mit dem Internet umgehen sollen.
Daran erinnerte ich mich, als im Kulturzentrum Knabenschule Bessungen Fabian von diesem 13 jährigen Mädchen erzählte, das besser programmiert als Profis, und das mit dem Internet souverän umgehen soll. Von dem Modell “Lasst die Jüngeren von den Älteren lernen” wusste Fabian gestern Abend nichts.Aber durch seine eigene Beobachtung, wie die Jugend am Besten mit dem Internet umgeht, machte er genau den selben guten Vorschlag wie der Experte auf der Veranstaltung im letzten November.
Das Internet hat sich so rasant entwickelt, dass es Profis braucht, um dessen Auswirkungen auf unsere Gesellschaft überhaupt noch zu verstehen. Wirklich?
Eigentlich müssten die Entscheider über die neuen Internet-Gesetze der jüngeren Generation nur mal zusehen, wie die mit dem Internet umgeht. Und wie groß das Gelächter bei den unter 30 jährigen ist, wenn es um die Frage geht, ob die Internet-Sperrgesetze zu dem taugen wofür sie gemacht wurden: Wirksam zu verhindern, dass die Internetseiten mit den kinderpornografischen Inhalten besucht werden können.
Die unter 30-jährigen sind davon überzeugt, daß Internetkompetenz bei den heutigen Entscheidern über die Gesetze nicht vorhanden ist. Die Wahrheit liegt nicht weit entfernt: Eigene Internetkompetenz braucht man nicht wirklich, um im Bundestag gute Arbeit zu machen, meinen übereinstimmend alle der 6 Bundestagsabgeordneten und die vier Kandidaten im jetzt angelaufenen Wahlkampf, mit denen ich gesprochen habe.
Warum brauchen wir mehr Internetkompetenz im Bundestag?
Ich vergleiche dass mit einer Abgeordneten, die in einem Ausschuss sitzt, in dem auch das Gesetz mit den Regelungen zu den neuen KFZ-Steuern entworfen wurde. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn sie und alle anderen in dem Ausschuss keinen Autoführerschein hätten. Wenn alle Ausschußmitglieder im Alltag und Privat immer nur zu Fuß unterwegs wären. Wenn keiner von denen auch nur einen blassen Schimmer von Ahnung hätte, wie ein Auto überhaupt funktioniert. Welche Antriebsarten es gibt. Wie man ein Auto fährt. Wie es ist, wenn man mal eine Panne hat. Was für Straßen gebaut werden. Was wäre, wenn die Abgeordneten in diesem Ausschuss gerade mal einen Bus, eine LKW und einen Kleinwagen unterscheiden können, wenn er ihnen auf der Strasse begegnet. Wenn die noch nie hinterm Lenkrad auf der Strasse unterwegs waren, jeden Morgen zur Arbeit und Abends wieder zurück. Würde denen jemand die Kompetenz zusprechen, um ein gutes Gesetz über die KFZ-Steuer zu entwickeln, wer für welches Auto wie viel bezahlen soll?
So ähnlich ist es mit dem Internet-Sperrgesetz und dem Wissen über das Internet, über dass die allermeisten Bundestagsabgeordnete verfügen.
Fehlende Kompetenz holt man sich durch Experten in den eigenen Stab der Mitarbeiter, oder man lässt sich beraten. Das weiss ich aus eigener beruflicher Erfahrung. Unsere politischen Entscheider sind in dem Glauben, dass sie eigene, fundierte Internetkompetenz nicht wirklich brauchen. Das ist offenbar ein Irrtum.
Viele neue Gesichter bei den Piraten-Stammtischen
22 Männer und 2 Frauen, davon waren 14 Neue, besuchten gestern den Piraten Stammtisch. 14 neue Gesichter am Stammtisch: Davon können alle anderen Parteien im Landkreis nur träumen. Viele Parteien Stammtische im Landkreis machen gerade Sommerpause. Die verwaisten Stammtische fallen rund sechs Wochen lang aus, obwohl die Bundestagswahl vor der Tür steht. Man ist in der Toscana, in Sizilien, auf Gomera.
Zwar tagte auch der Darmstädter Piratenstammtisch zu Anfang dieses Jahres noch alleine, so erzählte ein Pirat, der vergleichsweise lange dabei ist: “Ich sass den ganzen Abend alleine am Stammtisch im Hobbit und wartete darauf, dass Einer kommt.” Dazu lächelten alle Anderen gestern Abend. Diese Zeit ist vorbei.
Woher kommt die starke Anziehungskraft der Piraten
Um zu verstehen, warum die Piraten eine so starke Anziehungskraft ausstrahlen, muss man nur zuhören, wenn sich die Neuen vorstellen und erzählen, warum sie gekommen sind. Allen gemeinsam war die Einschätzung, dass die anderen Parteien keine Internetkompetenz besitzen. Woran erkennt man das? Die Neuen kommen, weil das Internet-Sperrgesetz im Bundestag beschlossen wurde, mit den Stimmen der SPD (190 Stimmen), der CDU (158 Stimmen), der CSU mit 40 Stimmen und nur sieben der FDP. ( Details siehe Abgeordnetenwatch). Sie wollen dieses Gesetz nicht und gehen zu den Piraten.
“Und selbst wenn das Internet das einzige Thema wäre, das die Piraten auf ihrer Flagge stehen haben, dann wäre ich hier richtig”, sagte ein Mann um die 30 im roten T-Shirt leidenschaftlich. “Lieber nur ein Thema, das wirklich wichtig ist, und das dafür aber kompetent angehen. Wenn wir später dann mal im Bundestag sind , wenn wir mal stärker sind, dann können wir im zweiten Schritt auch andere Themen kompetenter aufgreifen. Doch jetzt kann ich gut damit leben, dass wir als einzige Partei das Thema Internet angehen. Darin sind wir heute glaubwürdig und kompetent .”
Ein 50-jähriger Mann erzählt, dass ihn erschreckt, welche Konsequenzen sich aus dem Internet-Sperrgesetz für die Zukunft des Internets ergeben.
Andere sehen die Gefahr, dass heute dieses Gesetz in Zukunft auch auf andere Themen ausgeweitet wird. Man erzählt sich von den jüngsten Medienberichten von Bundestagsabgeordneten , die das tatsächlich auch jetzt schon fordern.
Ein anderer junger Mann erzählt von seinem Entsetzen, als er von einem lokalen Politiker erzählt bekam: “Wenn durch das Internet-Sperrgesetz nur ein Kind weniger geschändet wird, dann ist mir nicht länger wichtig, ob das Grundgesetz vielleicht durch dieses Gesetz verletzt werden würde”.
So und so ähnlich erzählen die neuen Gesichter auf dem Piratenstammtisch in Darmstadt. Es gibt übrigens nur diesen Stammtisch in Darmstadt, also auch noch keinen eigenen Ableger der Piratenpartei für den Darmstädter Raum. Doch dessen Gründung scheint derzeit nur eine Frage der Zeit zu sein, glaubt man sehr zuversichtlich.
Der Darmstädter Piraten Stammtisch trifft sich dort.
Die Piraten organsieren sich vor allem über das Internet. Ein guter Einstieg für alle Interessierten ist : Das Wiki der Piratenpartei .





Ich war auch da u. kann Dir nur zustimmen. Es ist bei weitem nicht so, daß Internet-Nutzer nur bei ihren Vorlieben in Ruhe gelassen werden wollen. Man sieht in vielen Diskussionen, wie sich der Umgang mit digitalen Medien praktisch von selbst ausgleicht – eine Tendenz, die man in der realen Gesellschaft nur wünschen möchte.
Kritikpunkte wie Freiraum für Illegalität, Realitätsverlust, negative Einflüsse für die persönliche Entwicklung von Jugendlichen, ungehemmte Radikalität werden in der Öffentlichkeit zwar oft und gerne dargestellt, halten aber einer echten Prüfung geschweige denn in einem Dialog mit Betroffenen nicht stand.
Was ich beobachte, ist tatsächlich ein wachsender kompetenter Umgang mit neuen Medien. Hier muß man auf Erfolg setzen und nicht auf die Knechtschaft durch anmaßende Rechtsprechung und bürokratische Bevormundung.
Das Potenzial, das hier entsteht, hat bei weitem nicht mehr vor, sich weiter in die Ecke drängen zu lassen. Wer von der alten Fraktion vergessen hat, sich mit neuen Leuten, neuen Ideen und neuen Tatsachen fair auseinander zu setzen, hat das Nachsehen. Hut ab vor der Piratenpartei!
Der bei weitem grösste Reiz der Piratenpartei wird in dem kleinen Filmausschnitt im Artikel von Mr.Tagesthemen formuliert: Das mögliche Erschrecken der Parteien, wenn es die Piraten über die 5% schaffen, weil auch die Nichtwähler ihren Denkzettel ernst nehmen. Keiner rechnet wirklich damit, dass Wähler so schnell schwenken.
Lasst es bitte so kommen. Verpasst den grossen Parteien einen Denkzettel.
Christine
Also die Piraten bieten mehr an als nur eine Protestpartei zu sein. Sie sind die Partei, die Leuten mit Ahnung vom Internet eine Perspektive anbietet.
Wo sonst kann man Politisch aktiv sein, ohne sich über die Vollpfosten aufregen zu müssen, die keine Ahnung vom Netz haben und nur im Weg stehen.
netzgirlande
Ein schöner Bericht über den Stammtisch und die Entwicklung, die die Piratenpartei in so kurzer Zeit bewältigt hat. Allerdings finde ich es auch ein bisschen schade, dass nach Außen hauptsächlich die “Internet-Partei” transportiert wird.
Die Piraten setzen sich für Bürgerrechte ein und das nicht nur im Internet sondern überall dort, wo sie immer weiter beschnitten werden. Das hier die neuen Medien bevorzugte Instrumente sind, ist der Lauf der Zeit, den am besten diejenigen verstehen, die in diesem Lauf aufgewachsen sind oder mit ihm Schritt gehalten haben. Das beide Varianten nicht selten sind, sieht man an der bunten Mischung an interessierten Menschen bei den Stammtischen, die sich Gedanken machen, wie man mit den neuen Errungenschaften in Forschung und Wirtschaft umgehen kann, ohne die Entwicklung und ihre positiven Aspekte abzustoppen und verkümmern zu lassen. Und ja, es ist Zeit, dass die “Alten” von den “Jungen” lernen, denn nur so geht es einen Schritt weiter und es kommt zu keinem Stillstand. Es ist an der Zeit für die “jungen Stimmen” in der Politik und diese sind außnahmsweise nicht abhängig von den Zahlen im Personalausweis, sondern von der inneren Aufgeschlossenheit, etwas anzunehmen, zu integrieren und Änderungen zuzulassen.
Das Protokoll zu dem im Artikel beschriebenen Stammtisch der Piratenpartei in Darmstadt findet ihr dort als PDF Dokument