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Nicht angekommen: Unsere Kultur hat neue Werte

Von Peter Löwenstein • 28. Sep 2009 • Kategorie: Meinung
Das abschreckende Internet

So bitter hätte die SPD den Wahlausgang nicht erleben müssen, wenn ihre Entscheider zuhören würden: Den Nichtwählern, den Internet-Nutzern und den Jungen, die zusammengelegt weit über Dreiviertel der deutschen Bevölkerung ausmachen.

Dass aber die Jungen der SPD nichts mehr glauben, war auch hier im Regioblog wiederholt Thema, zuletzt in unserem Interview beim Radio Darmstadt mit Christof Leng, Gründungsmitglied der Piraten und Michael Siebel, Landtagsabgeordneter der Hessen-SPD. Und dass die Zum-ersten-Mal-Nichtwähler schnell ganz verloren gehen ist so ziemlich das Einzige, was man wirklich über sie weiß.

Internet-Nutzer sind seit dieser Wahl eine eigene Wählergruppe geworden. Das ist noch nicht überall angekommen – dafür gibt es noch keinen Balken. Obwohl diese Gruppe sehr erfolgreich eine eigene Kultur mit eigenen Wertigkeiten aufbaut, die auch von den Piraten nicht vollständig adressiert wird, und nicht mit dem Programm der Piratenpartei verwechselt werden sollte.

Die SPD hört nicht zu. Sorry, aber am Beispiel Internet es das ganz einfach zu Erkennen: Ein Politiker, der sich weigert, das Internet als einen neuen Mittelpunkt unserer Lebenskultur anzuerkennen, ist überreif für die Abwahl. Tretet zurück, wenn ihr meint, dass eure eigene Assistenz das mit der Email und dem Twitter erledigen soll und ihr für euer Amt anderes, wichtigeres zu tun habt als euch mit der Kultur im Netz zu beschäftigen. Ihr kommt so auf die Dauer nicht mehr klar. Macht Platz für die Erneuerung! Frau Zypries, sie sind zwar in Darmstadt knapp gewählt worden, doch sie stehen der Erneuerung ihrer Partei in der Oppositionszeit im Weg.

Auch den Grünen fehlte heut Nacht der weiße Schaum auf ihrer Welle. Die grüne Welle reißt nicht mehr. Die Ursache dafür ist auch in der Provinz zu erleben: Viele ihrer grauen 68′er Panther der Grünen durchlebten eine über 20jährige Oppositionsarbeit im lokalen Parlament ihrer Stadt, ihres Kreistags. Innerhalb der letzten Jahre konnten viele endlich eigene politische Verantwortung übernehmen, zumeist als Koalitionspartner der kriselnden SPD. Das ist als Erfolg zu werten. Doch dann passierte nicht mehr viel, außer den eigenen Erfolg zu verteidigen und die alten grünen Ziele weiter hoch leben zu lassen. Die grünen Alten erneuern ihre Kulturbegriffe nicht mehr und bekämpften deshalb die Integration jüngerer Lebenskultur in ihre eigenen Machtstrukturen auf eine ähnliche Weise wie die SPD.

Bei der SPD und den Grünen ist es keine Absicht, kein böser Wille und keine Niedertracht. Es ist eher die Unfähigkeit, sich Neuem zu öffnen, dass außerhalb des eigenen politischen und kulturellen Wertesystems liegt. Die Erfahrung, dass das überhaupt geht, fehlt vielen der überreifen Genossen und grünen Alten. Komisch, immerhin stammt aus dem Widerstand gegen solche Strukturen die Wurzel ihrer eigenen politischen Geschichte.

Diese Wahlen haben eins gezeigt: Für einen modernen Menschen darf es keine Entschuldigung sein, sich neuer Kultur nur deswegen nicht öffnen zu wollen, weil man über 35 oder 40 Jahre alt ist. Für einen Politiker erst recht nicht.

Ein lokales Beispiel:Klaus-Peter Schellhaas, SPD, eben ins Amt eingeführter neuer Landrat für Darmstadt-Dieburg
Der Wahlkampf von Pit Schellhaas wurde im Internet intensiv geführt. Seine Website war aufwendig gestaltet worden und stellte den Kandidaten und seine Ziele vor. Man konnte Unterstützer werden. Man konnte Spenden. Oder auch Pit Schellhaas Freund werden, bei den verschiedenen Social Networks. 167 Nachrichten wurden alleine bei Twitter gesendet. Mehrere Hundert SPD-Aktive folgen ihm dort heute noch – warum nur? Was blieb davon nach der erfolgreichen Wahl? Nichts. Der letzte Eintrag auf der Website ist uralt vom April, ein Danke-Bapperl wie es über die Plakate im Straßenwahlkampf geklebt wird. Bei Twitter war noch nicht einmal zur Amtseinführung als Landrat von Pit Schellhaas vorletzte Woche etwas gesendet worden. Dort heisst es immer noch: “Designierter Landrat”. Die komplette Internet-Wahlkampf Präsenz von Pit Schellhaas wurde nach der Wahl eingestellt und verwaist seit dem Frühsommer, wie ein Plakat, das nach der Wahl nicht abgehängt wurde. Auf lange Sicht eine Katastrophe für die eigene Wiederwahl und die Glaubwürdigkeit der eigenen Medienkompetenz. Hier wurde die falsche Welle gemacht. Eine der letzten Sätze auf der Website von Pit Schellhaas liest sich so: “Auch in Zukunft möchte ich eine Politik betreiben, die nah an den Menschen und mit den Menschen handelt. Deswegen wird es weiterhin möglich sein, sich online zu informieren und mit mir in Kontakt zu treten. Weitere Informationen hierzu finden Sie in den nächsten Wochen auf dieser Homepage.” Danach kam nur noch Schweigen. Und dies ist nur ein kleines Beispiel für den fahrlässigen Umgang der Politiker mit den Wählern im Netz. Noch während des Wahlkampfes fragte ich in seinem Team nach, ob dieser Auftritt wirklich so weitergeführt werden sollte. “Du wirst ihn auch zukünftig weiter bei Twitter lesen” war deren letzte Antwort an seinem Wahlsonntag.

Der Pit Schellhaas Auftritt bei Twitter

Der Pit Schellhaas Auftritt bei Twitter

Die nächsten beiden Jahre werden spannend: Ich bezweifele, dass von den Werteverwaltern der SPD und ihrer Anhänger in den Medienhäusern so schnell verstanden wird, dass das Internet in den Mittelpunkt unserer Lebenskultur gerückt ist. Unserer – nicht die der Nerds! Doch damit fängt es schon an. Wir brauchen die Erneuerung unserer etablierten Kulturwerte. Wir haben neue Werte – unsere!

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2 Kommentare »

  1. Wenn du damit richtig liegen würdest, wäre die CDU aber nicht stärkste Partei geworden. Von ihr ist im Netz so ziemlich am wenigsten zu sehen. Ähnlich die Linke, die starke Zuwächse hatte.  

  2. @Andreas: Gegenwärtig sehe ich bei der CDU das geringste Potential, einen fairen Beitrag in die Diskussion über die Kulturwerte der Digital Natives einzubringen. Trotzdem glaube ich daran, dass es eine breit getragene Diskussion in den nächsten zwei Jahren geben wird, denn das Internet ist in den Mittelpunkt unserer Kultur gerückt.  

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