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Das Neue und das Alte oder: Die Lehren aus einem Bundesparteitag

Von Meike Mittmeyer • 19. Nov 2009 • Kategorie: Meinung
SPD Parteitag 2009

SPD Parteitag 2009

Eine Gruppe von Jusos aus Darmstadt und dem Landkreis brach auf, um den SPD-Bundesparteitag in Dresden zu besuchen. Dass man dort einigen alten Ballast der Partei ablegen würde, um neu anzufangen, war wohl absehbar. Nicht allerdings, dass zu diesen Altlasten auch unser Auto gehören würde.

Sigmar Gabriel verpasst

So ein Bundesparteitag ist schon ein Mikrokosmos, könnte man meinen: Der große Saal im Messezentrum Dresden mit Parteiführung, über 500 Delegierten, Presse und Gästen war praktisch nur das Zentrum eines Planetensystems aus Info- und Werbeständen von Vereinen, Organisationen, Instituten, Firmen und großen Energie- und Autokonzernen. Die Politik umzingelt von Lobbyisten – wie im richtigen Leben, nur mit kostenlosen Kugelschreibern und Schokolade für alle.

Ob das wohl vor 50 Jahren schon genauso war? An exakt demselben Datum vor 50 Jahren verabschiedete die SPD auf dem Godesberger Parteitag ihr Programm, das sie von einer reinen Arbeiter- zur Volkspartei machte. Von da an ging es mit den Wahlergebnissen bis in die siebziger Jahre schnurstracks bergauf. Godesberg schimmerte also wie ein schwacher Hoffnungsstreifen über dem Parteitag 2009. Geschichte kann sich schließlich wiederholen, im Fall der SPD muss sie es sogar – das ist ihre letzte Chance.

Aber der Reihe nach: Den wohl spannendsten Teil des Parteitages, die mitreißende Rede von Sigmar Gabriel am Freitagabend, konnte unsere Juso-Gruppe nur teilweise im Autoradio irgendwo auf der A4 zwischen Darmstadt und Dresden mitverfolgen. Erst am späten Freitagabend kamen wir mit unserem Ford Fiesta, der seine besten Tage schon lange hinter sich gelassen hat, in der Sächsischen Hauptstadt an. Die neue Führung war also längst gewählt, als wir am nächsten Morgen den Parteitag besuchen.

Die Wirklichkeit gibt es nicht mehr

Wie um ein Zeichen zu setzen, ging just an diesem Morgen nach zwei oder drei Schnappschüssen meine alte, schwächelnde Digitalkamera kaputt. Fotos konnte ich noch machen, aber sie waren grell, überblendet und voll von Streifen – so, als ob meine Kamera die Wirklichkeit noch abbilden wollte, es aber nicht mehr konnte. Weil sich diese neue Parteitags-Wirklichkeit noch nicht ganz gefunden hatte, vielleicht.

Frank-Walter Steinmeier klang bei seiner Rede am Vormittag stimmlich mehr denn je wie Schröder. Wenn ich die Augen schloss, dann sah ich unseren Bundeskanzler A.D. vor mir, so schröderisch klang das Steinmeier’sche Röhren. Trotz Neuanfang: Ein bisschen Schröder bleibt, ein bisschen Agenda auch.

Ganz und gar nicht Schröder

Samstagabend, Party der Bundes-Jusos und der Parteilinken DL21 irgendwo im östlichen Teil Dresdens. Am anderen Ende der Stadt trafen sich die Netzwerker zu einer Feier, und man munkelte, dass auch die Seeheimer im kleineren Kreis feierten.
Es war voll, viel zu voll, und nicht nur Jusos und Linke waren gekommen. Damit hätten selbst die Veranstalter nicht gerechnet: Um ein Uhr ging das Bier aus.

Zum Glück kam Frank-Walter Steinmeier vorher. Der Raum voll Menschen und dicker, schlechter Luft erstarrte in Erstaunung, als der Ex-Außenminister durch die Menge drang. Einen Moment lang sah es so aus, als würden hier zwei Welten aufeinanderprallen.
Wenige Meter von mir entfernt blieb Frank-Walter Steinmeier stehen, bekam ein Bier in die Hand gedrückt und hielt eine kurze, knappe Ansprache, dann sangen wir alle zusammen die Internationale. Ein Stück wehmütig, ein Stück aber auch trotzig; wie um der Welt zu zeigen: Seht her! Wir wissen noch, wo wir herkommen.

Als ich kurz darauf die Gelegenheit hatte, ein paar Minuten mit Frank-Walter Steinmeier zu sprechen, klang er gar nicht mehr wie Schröder. Seine Stimme war ruhig, bedächtig, freundlich und warm und machte den Eindruck, als hätte er alle Zeit der Welt. Wie ein Diplomat – wie ein Außenminister. Ich fragte ihn nicht, ob er traurig darüber sei, das nicht mehr sein zu können. Es stand ihm sowieso ins Gesicht geschrieben.

Wir fuhren am Sonntag nach Hause und waren voll von Eindrücken dieses Neuanfangs. So voll womöglich, dass der alte, überladene Ford Fiesta nicht mehr mitmachen wollte. Es gab einen Knall, es roch nach heißem Plastik und wir blieben auf der Autobahn zwischen Chemnitz und Zwickau liegen. Wir wurden in ein kleines Dorf im Erzgebirge abgeschleppt und kriegten einen Ersatzwagen. Auf einmal war der Parteitag mit seinem Neuanfang schon ganz weit weg, obwohl wir nicht einmal 100 Kilometer weit gekommen waren.

Was lerne ich nun daraus?

Ich hätte meine Kamera, die schon lange ihre Macken hatte, viel früher durch eine neue ersetzen können, ja vielleicht. Wir hätten lieber gleich einen Wagen mieten sollen statt ein uraltes Auto mit fünf Personen samt Gepäck sechs Stunden über die Autobahn zu quälen, ja vielleicht. Manchmal wäre es besser gewesen, früher mit der Zeit zu gehen, sich früher von dem Alten zu trennen und Platz zu machen für das Moderne, das Neue. So könnte einem so manch unschönes Erlebnis auf kalten Standstreifen mitten im ostdeutschen Nirwana erspart bleiben. Und auch so manche politische Talfahrt.

Andererseits: Schon so oft hat sich das Alte bewährt, wenn es rechtzeitig durch das Moderne und Neue ergänzt und erweitert wurde. Nicht von allem Liebgewonnen möchte man sich so bereitwillig trennen wie von einer kaputten Digitalkamera. Unser Ford Fiesta wird darum auch noch einmal repariert, anstatt gleich auf den Schrottplatz zu wandern. Diese Neuerung kam spät, leider erst nach dem großen Knall – aber nicht so spät, dass es keine Hoffnung mehr gäbe. Das weiß die SPD seit Dresden zum Glück auch wieder.

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