Als in Deutschland flächendeckend die Überdosis an preußischer Pünktlichkeit verteilt wurde, waren die Damen und Herren des hiesigen Nahverkehr-Unternehmens wohl grade im Urlaub. Anders ist es nämlich kaum zu erklären, dass ich mich wiederholt über verspätete Busse und dadurch verpasste Verbindungen aufregen musste. Und dass, obwohl meine Studienkollegen und ich pro Semester fast eine Million Euro an den RMV zahlen. Aber der Reihe nach…
Ich bin kein großer Fan von öffentlichem Nahverkehr, weil ich ihn aus meiner Heimat nicht gewohnt bin und ich es nicht mag, von festen Fahrzeiten abhängig zu sein. Seit ich in Dieburg studiere und in Pfungstadt wohne, stehen dem jedoch zwei Punkte gegenüber: Zum einen der Kostenfaktor, schließlich bezahle ich gezwungener Maßen mit meinem Semesterticket eine RMV-Flatrate, während meine Benzinkosten vom Verbrauch abhängen. Der zweite Punkt ist der Umweltschutz. Ich kann nicht nur klagen, aber selbst nichts tun. Das eigene Auto stehen zu lassen, ist da durchaus ein Anfang.
Soweit die Theorie. Die Praxis sieht jedoch anders aus und zwar wie folgt: Ich kann mich auf den Nahverkehr im Raum Darmstadt nicht verlassen. Verspätete, häufig zudem überfüllte Busse lassen mich wiederholt meine Anschlüsse verpassen. Dies ist besonders dann ärgerlich, wenn es sich um den Zug Richtung Frankfurt (fährt nur stündlich ab DA-Eberstadt) oder den Bus nach Dieburg (ebenfalls meist nur stündlich, in diesem Fall ab Luisenplatz) handelt. Grade jetzt im Winter sind die äußeren Umstände selten einladend, eine Stunde irgendwo zu warten. Und man wartet ja nicht nur, man verpasst auch Termine.
Vor einiger Zeit hatte sich die Wut soweit angestaut, dass ich RMV und DADINA eine Beschwerde-E-Mail sendete. Damals musste ich für einen wichtigen Unitermin nach Frankfurt. Mein Bus kam zu spät, ich verpasste dadurch die Bahn und musste mit dem Auto fahren. Ich musste Geld für Sprit und Parken bezahlen, war Hektik ausgesetzt und kam trotz allem zu spät. In meiner E-Mail schrieb ich auch noch von etwas anderem, was mich auf die Palme bringt: Denn während viele Fahrer die Pünktlichkeit nicht so stark verinnerlichten, fraßen sie den Kapitalismus scheinbar mit der Suppenkelle. Nur so kann ich es mir erklären, dass regelmäßig in aller Seelenruhe Tickets verkauft werden, statt eine Verspätung aufzuholen. Eigentlich sollten die Fahrer keine Zeit haben, abzukassieren. Aber es scheint wohl wichtiger zu sein, dass alle bezahlen (sogar für eine Leistung – Pünktlichkeit – die sie nicht bekommen), als dass sie eilig ans Ziel gebracht werden. Selbst eine Kompromisslösung – mehr Ticketautomaten – sind mir bisher nicht geläufig.
Wie nicht anders zu erwarten, musste ich auf eine Antwort auf meine E-Mail warten. Als ich das Thema fast vergessen hatte, schrieb der RMV, allein DADINA sei zuständig. Ich solle doch auf deren Antwort warten. Die kam erst mehrere Wochen nach meiner Initiative. Die Antwort enttäuschte mich daher umso mehr: Man bedauere alles, und es sei korrekt, dass die Linie P derzeit nur etwa 70 Prozent Pünktlichkeit habe- angestrebt seien 90 Prozent. Aber es gäbe derzeit so viele Baustellen. Zu der „Abkassier-statt-fahr-Sache“ gab es keine Stellungnahme. Auf die Idee, Fahrpläne anzupassen ist die DADINA scheinbar nicht gekommen. Ebenso wenig auf die Idee zumindest zu versuchen, mich milde zu stimmen (zum Vergleich: Bei einer eher scherzhaften Beschwerde, weil im Kaffee-Automaten auf dem Campus die Milch fehlte, bekam ich fünf Euro).
Vielleicht bin ich als Student aber nur der Bonuskunde, denn bezahlen muss ich sowieso. 84,80 Euro gehen aktuell pro Halbjahr aus dem Semesterbeitrag an den RMV. Das klingt nach nicht so viel. Aber bei circa 11.000 Studenten allein an der Hochschule Darmstadt durchaus eine beachtliche Menge Geld. Hinzu kommen noch Gelder durch Studenten der efh und TU Darmstadt. Um es noch einmal deutlich zu machen: Allein durch Studenten der Hochschule Darmstadt erhält der RMV halbjährlich fast eine Million Euro! Dabei fahren die meisten Busse und Bahnen sowieso, auch in den Semesterferien.
Was ich und viele andere Studenten als Gegenleistung bekommen enttäuscht grade in Anbetracht dieser Zahlen enorm: Verspätungen und das andere Extrem – Busse die einfach mal zu früh fahren – haben sicherlich fast jeden schon mal zur Weißglut gebracht. Besonders die „Studentenlinien“ (z.B. der Bus H oder die Busse zum Campus Dieburg) sind regelmäßig überfüllt. Nach und von Dieburg kommt man ohnehin nur suboptimal.
Ärger ist also vorprogrammiert. „Und dann kann man nicht einmal aus Protest schwarz fahren!“, wie eine Studienkollegin neulich meinte.
Dieser Artikel richtet sich selbstverständlich nicht gegen die Angestellten der Verkehrsunternehmen persönlich. Mit vielen habe ich bereits sehr positive Erfahrungen gemacht, wenn auch selbstverständlich nicht mit allen.
Berichte zu eigenen Erfahrungen in den Kommentaren gerne gesehen.






Ich stimme der Aussage des Artikels voll zu!
Die Aufgabe des Busfahrers ist es zu fahren. Wenn es ein Problem mit Schwarzfahrern gibt, sollen sie halt mehr Kontrolleure einstellen. Der Busfahrer hat sich alleine darum zu kümmern den Bus sicher voranzubringen. Abhilfe würden hier Automaten in den Bussen, besonders den Regionallinien schaffen. chaotika