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Von Träumen, die am Leben scheitern

Von Meike Mittmeyer • 19. Jan 2010 • Kategorie: Meinung
Obama Rally

Obama Rally am 4. November 2008 an der North Michigan Avenue in Chicago (Foto: MM)

Das Musical „Hope“ über den Aufstieg Barack Obamas zum Präsidenten feierte am Wochenende in Frankfurt Weltpremiere. Ich habe den kompletten US-Wahlkampf 2008 in Chicago hautnah miterlebt – darum war das Musical natürlich Pflicht. Und trotz der hoffnungsfrohen Botschaft, die das Stück transportiert, wurde mir sofort klar: „Hope“ kommt zu spät auf die Bühne.

Kein Tag wie jeder andere

„Yes, we can! Yes, we can!“ Immer wieder hallt der weltberühmte Slogan, der inzwischen schon zur Legende geworden ist, durch die Jahrhunderthalle. Wenn ich die Augen schließe, bin ich fast zurück im Grand Park in Chicago, vor einem Jahr und drei Monaten, am 4. November 2008. Zu dieser Zeit machte ich mein 5-monatiges Praktikum am Goethe-Institut. Der 4.11. war kein Tag wie jeder andere. Alle Mitarbeiter in den Firmen entlang der North Michigan Avenue durften spätestens um zwei Uhr Feierabend machen, um den in die Stadt drängenden Menschenmassen Raum zu geben. Und es war warm, viel zu warm für diese Jahreszeit in einer der normalerweise windigsten, kühlsten Städte Amerikas. Aus allen Schaufenstern strahlten Obama-Gesichter von T-Shirts und Hüten, fliegende Händler verkauften Hope-Buttons und die Parkhäuser Chicagos wurden eigens zu Parkplätzen für die „Obama Rally“ umfunktioniert. Überall lachende, ausgelassene, fröhliche Menschen; nichts zu spüren von der Hektik der Weltmetropole, die sich sonst im tristen Alltag auf den ausdruckslosen Gesichtern von gestressten Geschäftsmännern manifestiert. An diesem Tag war Chicago sehr provinzial: Alle gehörten zusammen. Der Glaube, dass nach diesem 4. November ein neues, besseres Zeitalter hereinbrechen würde, hatte sich längst in eine Gewissheit verwandelt. „Change is already here“.

Eine wahre Geschichte wie aus dem Märchen

Wenn ich die Augen wieder öffne, sitze ich doch nur in der Jahrhunderthalle in Frankfurt. Das Musical erzählt die Obama-Geschichte auf sehr bewegende Weise – einmal aus der Perspektive von Bewohnern der Green Street im Süden Chicagos, in der die Protagonisten unterschiedlicher nicht sein könnten: Von dem Ehepaar, das um zwei Söhne im Irak bangt, über den italienischen Restaurantbesitzer, der unter den Folgen der Wirtschaftskrise leidet, bis hin zur stock-konservativen Deutsch-Amerikanerin und fieberhaften McCain-Anhängerin ist alles dabei.

Der zweite Handlungsstrang erzählt uns, wie der heutige US-Präsident trotz Harvard-Abschluss die Spitzen-Karriere als Staranwalt einer internationalen Großkanzlei ablehnte, um sich in der Heimat Chicago in einer kleinen Kanzlei für Bürgerrechte einzusetzen und es schließlich doch ganz nach oben schaffte, immer Kraft schöpfend aus seiner Beziehung zu Michelle. Die gesamte Story ist der amerikanische Traum in Perfektion, die kein Kitsch-Drehbuchautor besser hätte erfinden können. Und das Schöne daran: Sie ist wahr. Trotzdem wirkt sie heute, nach einem Jahr Realität, wie aus einem Märchenbuch herausgefallen.

Zu große Hoffnungen

Der erhoffte „Change“ hat es nicht bis in die Wirklichkeit hinein geschafft. Die Arbeitslosigkeit bleibt besorgniserregend hoch, Guantanamo ist noch immer offen und die große Gesundheitsreform ist irgendwo im Verwaltungsapparat der angeblich vorbildlichsten Demokratie der Welt stecken geblieben. Natürlich muss man dabei immer berücksichtigen, dass Politik langwierig ist. Dass sich Strukturen, die sich in Jahrhunderten festgefahren haben, nicht einfach innerhalb von ein paar Monaten ändern lassen. Und: Ein Präsident ist kein Alleinherrscher. Fehlen ihm die Mehrheiten für das, was er gerne umsetzen möchte, dann scheitert er. Dennoch hatten wir doch irgendwie alle gehofft, dass es mit Obama anders sein würde. Dass Träume eben doch stark genug sein können, um der Realität stand zu halten.

Eine Geschichte zu schön für das Leben

Hätte das Musical „Hope“ vor einem Jahr Weltpremiere gefeiert, dann hätte man begeistert, ja exstatisch in die „Yes we can“-Rufe mit eingestimmt. Nun tut man es eher verhalten, peinlich berührt – fast traurig. Ich frage mich oft, was geblieben ist von dieser Wahlnacht 2008 im Grand Park in Chicago, als Fremde mir um den Hals fielen und vor Freude weinten. Von dieser Nacht, als Chicago ein einziges Mal ganz provinzial war.

Träume werden so lange an der Realität scheitern, wie die Realität sich weigert, Änderungen zuzulassen. Das hätte eher die Botschaft dieses Musicals sein sollen: „Change“ ist möglich, aber mit Arbeit und Geduld verbunden. Ich habe das Gefühl, Amerika ist weder für das eine noch für das andere bereit. Aber diese Botschaft wäre dann zu politisch für ein Musical geworden. Die Geschichte von „Change“ und „Hope“ ist eigentlich zu schön für den harten, politischen Alltag. So klatschen alle Zuschauer in der Jahrhunderthalle weiter hölzern mit und wer ganz viel Fantasie hat, kann sich vielleicht vorstellen, dass diese Story niemals wahr gewesen ist. Sondern schon immer nur ein Traum.

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