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Kommunalpolitiker in Social Medien: Schweigen und faule Versprechen

Von Peter Löwenstein • 24. Feb 2010 • Kategorie: Meinung
Erinnerung für nächste Woche

Erinnerung für nächste Woche

Der fatale fail der Kommunalpolitik im Umgang mit Wählern in Social Networks, in Chats und Foren heißt: Schweigen.
Denn das ist die Reaktion, die man von Kommunalpolitikern auf die meisten Anfragen erhält – wenn man denn das Glück hat, einem Kommunalpolitiker in Amt und Würden im Social Network, einem Forum seiner Partei oder im Chat zu begegnen. Es gibt Ausnahmen, zu denen ich im zweiten Teil komme. Und es gibt experimentierfreudige Kommunalpolitiker, die mit Versprechen und Ankündigungen in den Social Medien wild durch die Gegend schießen. Ausprobieren ist etwas wunderbares und unbedingt Notwendiges, um zu guten Ergebnissen zu kommen. Dabei sollte man vermeiden, zum Social Media Clown zu werden, der sein Gesicht die Flugbahn jeder vom Publikum geworfenen Torte kreuzen lässt.

Denn leider sind bei Kommunalpolitikern einige Grundzüge im Umgang mit den Social Medien weit verbreitet:

  • Mal eben Twittern lernen, dann bis zur Wahl mal ausprobieren und gut ist. Um bei Social Networks mitzumachen, muß nicht viel investiert werden. Die kostenfreie Anmeldung ist mit einer Tasse Kaffee im Handumdrehen erledigt. Doch nur der lange Atem zählt. Über eine Legislaturperiode.
  • So, ich bin jetzt in 7 Social Networks angemeldet, dass übrige macht mein Vorzimmer. Wobei Vorzimmer im Kopf auch ersetzt werden kann durch Parteifreunde aus den Jugendorganisationen. Was nichts daran ändert, dass die meisten merken, dass man nicht den Politiker an der Tastatur höchstselbst liest. Die Folgen sind: Innerhalb von drei Monaten ist man in den Wahrnehmungsgulli gefallen. Nächste Station Kläranlage, sprich der nächste Wahltermin. 

    Ein viel gelesener Rat lautet: Lieber weniger, aber dafür selbst schreiben, und vorher mal etwas länger bei gut etablierten Politikern mitlesen. Die größte Falle dabei lässt sich mit etwas Vorbereitung umgehen: In Social Networks werden Dialoge geführt, keine streitbaren Vorträge gehalten, wie sie im Stadtparlament üblich wären. Viele Ausrufezeichen (!!!!!), insgesamt groß geschriebene Sätze und Rechthaberei kommt gar nicht gut.
    Doch ein richtiger Dialog mit den Wählern findet in Social Medien, einem Chat oder in den Foren nur bedingt oder überhaupt nicht statt. Die Meinung der Wähler in Social Medien ist meist nur so weit interessant, dass diese genutzt werden kann um eine weitere Wählerstimme zu gewinnen. Wie Unternehmen begehen auch die deutschen Parteien den Fehler, dem Wähler etwas aufschwätzen zu wollen. Die Social Media Nutzung wird als weiterer Werbeweg gesehen, ohne auf die Chancen des noch recht jungen Mediums Rücksicht zu nehmen. Der Dialog und die damit verbundene Möglichkeit Meinungen zu ändern wird nicht beachtet.
  • Dafür habe ich keine Zeit. Warum nicht? Viele Bürgermeister in Kommunen mit ~ 15.000 Einwohnern schreiben ihre Pressemeldungen selbst (20min.) , das schön von Hand formatierte Worddokument (10 min.) wird dann verschickt, per Email über den Presseverteiler (3 min.). Bis hierhin also rund 35 Minuten Aufwand. Das Ergebnis ist im besten Fall eine Kurzfassung im Regionalteil der Tageszeitung, doch meist fruchtet der Aufwand nur für einen Abdruck in den umsonst verteilten Stopfzeitungen. 
Mit 5 Minuten mehr Arbeit könnte man den Text mit Bild auch ungekürzt in den Social Networks veröffentlichen, wo er von Suchmaschinen weltweit gefunden wird, auch in drei Wochen noch gelesen werden kann und auf den geantwortet werden könnte. 
Auch Kommunalpolitiker werden erkennen müssen, dass das neue Mediensystem Internet die Abhängigkeit von den Medien, z.B. welche Geschichten wie publiziert werden, in hohem Maße überflüssig macht. Die Informationen von den Politikern zu den Wählern müssen nicht mehr über Medien für eine breite Öffentlichkeit transportiert werden.
  • Mitmachen bei den Social Networks? Dafür bin ich zu alt, weil ich Wichtigeres zu tun habe. Ich bin doch kein Hacker und ich bin nicht mehr 17… Ein Blick in den Terminkalender dieser Politiker offenbart allerdings, daß für Gespräche mit den Journalisten der Printmedien im letzten Viertelsjahr mehr als ein Dutzend Termine wahrgenommen wurden. Dafür war also Zeit da. Doch für den Kontakt mit Wählern im Internet wird keine Notwendigkeit gesehen. Ohne Worte, außer: Bitte fürs Amt des Ehrenvorsitzenden kandidieren. Natürlich müssen alle am massenmedialen Kommunikationsprozess Beteiligten den richtigen Umgang mit den neuen Möglichkeiten des Publizierens erst lernen. Lernen wollen allerdings schließt “Verweigern” aus.
  • Mit denen rede ich nicht, die machen mich nur dumm an.
    Wer die Wortwahl und und den Stil in den Social Medien wertet, der kann die Wirklichkeit wieder erkennen, in der es oft an Stil und Achtung vor anderen Meinungen mangelt. Eine politische Diskussion per Twitter ist ersteinmal nur eine andere, aber genauso gültige Umgebung für politischen Meinungsaustausch als die des Stadtparlaments, (dessen übliche Streitkultur übrigens von ungeübten Beobachtern regelmäßig ebenfalls mit Verwunderung und Ablehnung wahrgenommen wird. Um das zu erfahren muss man sich nur mal am Rande einer Kreistagssitzung mit den Schülern auf den Zuschauerplätzen unterhalten).
  • Das Mitmachen in Social Networks ist unverbindlich,
    dort gemachte Zusagen, Versprechen oder Angebote bleiben ohne Konsequenzen, weil es keine Kontrollinstanz gibt, z.B. durch eine regelmäßig im Thema nachhakende Zeitungsredaktion.
    Hier bin ich mir nicht sicher, ob das Gedächtnis der Wähler von so kurzer Natur ist, dass Zusagen, die von Kommunalpolitikern in einem Chat, oder einem Social Network gemacht werden, sobald vergessen werden. 

    Zumindest dies ist aber deutlich: Die jeweilige Zielgruppe eines Versprechens wird länger daran zurückdenken, wenn dass ihr gemachte Versprechen nicht eingelöst wurde, denn das Versprechen wurde direkt an sie gerichtet.
 

  • Regionalzeitungen verweigern sich, ihre journalistische Wächterrolle auch im Internet wahrzunehmen
    Nur gibt es bisher keine regionalen Wächterstrukturen im Internet, die nachverfolgen, ob Kommunalpolitiker ihre im Internet gemachten Ankündigungen auch halten. Hier und da gibt es engagierte Blogs, ok. Unter anderem deshalb, weil regionale Tageszeitungen ihre Probleme mit dem Internet haben und viele Themen dort gar nicht anfassen. Die Redakteure der Printredaktionen schrecken z.B. davor zurück, regionale im Internet geführte politische Diskussionen in die eigene Berichterstattung aufzunehmen. Damit wird von Lokalredaktion wie hier regional z.B der des Darmstädter Echos die Riesenchance verpasst, die eigenen Ansprüche des lokalen Qualitätsjournalismus offensiv in das Internet hineinzutragen.
    Über triviale Karnickelzüchterverein wird in vielen Regionalausgaben besser berichtet als über wirklich lesenswerte Diskussionen im Internet zwischen Menschen aus der Region, die in Darmstadt eine Straße weiter wohnen, oder in Pfungstadt oder auf dem Otzberg und miteinander im Netz z.B. über die umweltbedrohende Pestizidbelastung in der Gersprenz diskutieren.

Soweit erstmal..

Axolotl Sourcekill Disclaimer: Ich habe mich bei ein paar lesenswerten Quellen bedient, auf die ich im zweiten Teil hinweisen werde, dann wird es auch mit ein paar Beispielen konkreter. Sobald ich dazu komme…

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2 Kommentare »

  1. Um mal meine Meinung zu einigen Punkten in den Raum zu werfen:
    Die größere Erreichbarkeit hat man definitiv über Zeitungen etc. Der Großteil der Wähler ist eben nicht in den SocialNW unterwegs bzw. nutzt diese nicht politisch. Der Anteil an twitter und Blog-Leser ist in Deutschland weiter verschwindend gering. Auf Berichterstatung dort können politiker also nicht verzichten, SocialNW wären demnach ein Extra. Darüber hinaus kommt es auf die Wählergruppe an. Übertrieben überspitzt gesagt: Die CDU kann besser in Zeitungen für alte Menschen vorkommen, die Grünen eher im Netz.

    Zudem müssen Politiker vorsichtiger sein, mit dem was sie ins Netz posaunen, als “normale” Menschen. Schnell kann alles zitiert werden und gegen einen benutzt. Hier entsteht der Zwiespalt zwischen schnell, persönlich und spontan sein und auf der anderen Seite.

    Noch eine Frage sei erlaubt: Was bringt es einem lokalem Bürgermeister, wenn man in Neuseeland seine Mitteilungen lesen kann.

    Generell halte ich es für durchaus gut, wenn eine Politikerin/ein Politiker im Netz gut un aktiv ist. Aber andere Dinge sind wichtiger. Was mich an dem Aufregen über nicht-web-affine Politiker stört, ist eine gewisse ich-verlasse-mein-haus-nicht-Haltung. Erwarten web-Affine Menschen (zu denen ja auch ich gehöre) ernsthaft, alles über die Politik, ihre Politiker, was sie tun, was sie meinen, Antworten auf Fragen – im netz bekommen. Den Finger krum machen (auf der Tastatur), mehr aber nicht? Haben die Leute Angst vor Menschen? Warum nicht auch mal raus gehen, die Politiker an einem Wahlkampfstand, bei einer Veranstaltug etc. treffen, ansprechen, fragen- mit mehr als möglichen 140 zeichen!

  2. @Andreas: Ich bin mir nicht sicher, ob die größere Reichweite noch relevant ist, wenn nur wenige Nachrichten durch den Flaschenhals durchpassen. Eine Zeitung hat ja nur wenige Seiten, wie du selbst schon an anderer Stelle meintest, reicht dass nur, um eben auch weniges Abzudrucken.

    Und sicher passieren im direkten persönlichen Dialog lustige Dinge, die im Internet später blöd aussehen. Nicht alles was man den lieben langen Tag als Politiker macht ist zitierfähig, druckreif und die Frisur sitzt auch nicht immer. Ich denke der Umgang mit solchen menschlichen Fehlern ändert sich gerade, sehe ich zumindest auch bei der Ex-Bischöfin so.

    Für Neuseeland sind die Nachrichten der neuen Rutsche im Kindergarten des Ortes natürlich überflüssig. Aber der eigentliche Vorteil wäre, dass die Nachrichten überhaupt zu lesen wären. Neuseeland ist da eben auch mit versorgt, kostet auch nicht extra. Und dann wäre da noch der iPhone User auf dem Flug nach Berlin, den interessiert, ob die neue Rutsche jetzt endlich auf dem Kinderspielplatz in seinem Viertell aufgebaut wurde und was das kostet. Wäre schön, wenn sowas im Netz steht. Es geht also mehr um die überall leicht abzurufende Verfügbarkeit der lokalen kommunalen Nachrichten.

    Aus dem Haus gehen ist unbedingter Bestandteil der Fähigkeit, der Realität begegnen zu können.
    Allerdings weiß ich von mir, dass ich mir beim Umgang mit kommunalpolitischen Themen lieber die Beschlussvorlage, den Bauplan der Umgehungsstrasse oder die genauen Haushaltszahlen im Internet durchlesen würde, als mir diesen Sachstand im Stadtparlament aus den einzelnen Redebeiträgen zusammen klauben zu müssen.

    Was ganz anderes ist der Umgang mit Kandidaten, in direkten Begegnungen im echten Leben. Du erinnerst dich sicher, dass ich unsere beiden Landratskandidaten Buschmann und Schellhaas im Radio Darmstadt live moderierte, um den zugeben nicht allzu zahlreichen Zuhöhrern eine bequeme Möglichkeit zu geben, etwas mehr von den Kandidaten aufzuschnappen als deren Photoshop Plakatbilder, ohne dabei aus dem Haus gehen zu müssen.

    Ich habe beide Kandidaten auch bei anderen Veranstaltungen erlebt, Pit Schellhaas z.B. beim SPD Heringsessen in Lengfeld. Wir schüttelten damals am Tisch ungläubig den Kopf, so wild wurde mit Fakten durch den mit Senioren gut gefüllten Saal geschossen. Bei den Nachfragen stellten sich viele Fakten als Blödsinn heraus, z.B. die Ankündigung, wieviel Hunderttausend Euro Caparol noch in den nächsten Jahren in den Ausbau der Produktionsanlagen stecken würde. Ich fragte bei Caparol nach, offizielles Statement: Null. Denn da waren die im Redebeitrag genannten Investitionen schon verbaut worden. Im Redebeitrag wurden einfach Investitionen aus der Vergangenheit in zukünftige, zeitnahe Vorhaben umgemünzt – und wir haben das zu Dritt am Tisch so gehört, vor einem Jahr.

    Ich erzähle jetzt zwar von Pit Schellhaas, aber ich kann sowas auch von anderen Kandidaten der DKP oder der CDU gut erzählen, ich glaube, dass geht quer durch.
    Solche Erfahrungen sollte man sich mal gönnen, alleine um die Glaubwürdigkeit von politischen Reden im kleinen Parteikreis für sich selbst einnorden zu können. Wäre ja dann doch reizvoll, solche ausgeschmückten Redebeiträge zum Nachlesen in einem Forum oder einem Social Network zu Nachlesen vorrätig zu haben.
    Kann sein, dass ich mich irre, aber ich glaube, dann wären viele vollmundige Statements der kommunalpolitisch aktiven Redner verständlicher, weniger aggressiv und näher an der Realität.

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