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Man müsste meinen, auch Lokalzeitungen hätten langsam den Ernst ihrer Lage erfasst. Auflagen und Reichweiten schwinden vielerorts, und selbst wo das noch nicht geschieht, sterben Leser langsam aus, Junge kommen kaum nach. Doch statt den Problemen ernsthaft zu begegnen, schweben viele Lokal-Veteranen mit kuschelweichen Umfrageergebnissen lieber weiter auf Wolke sieben. Wenn das so bleibt, ist nicht das vielbeschworene, böse Internet ihr Todesurteil. Sondern ihre eigene Ignoranz.
„Näher ran! Das Lokale soll die Zeitungen aus der Krise führen“, titelte das internationale Journalismus-Magazin message in seiner ersten Ausgabe im Jahr 2010. Hört, hört, dachte ich und war gespannt, mit welchen innovativen Konzepten man hier aufwartet, um die Lokalberichterstattung endlich ins zweite Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts zu hieven. Wo sie doch bislang nicht selten noch mit Internetauftritten im 90er-Jahre-Stil vor sich hindümpelt und sich darüber wundert, wo denn all die Leser plötzlich hin sind und warum die Zeitungen in den Kiosken liegen bleiben.
Überraschende Ergebnisse
Ein Großteil der zwölfseitigen Berichterstattung über die Zukunft der Lokalzeitungen in der „message“ stützt sich auf die Erkenntnisse des Forschungsprojektes „Leserpanel“ des Instituts für Praktische Journalismusforschung (IPJ) aus dem Oktober 2009. Darin wurden sage und schreibe 1.286 regelmäßige Regionalzeitungsleser (!) befragt, was sie an ihrer Regionalzeitung denn besonders schätzen. Das „überraschende“ Ergebnis: 79,6 Prozent der regelmäßigen (!) Regionalzeitungs-Leser bevorzugen den Regional- beziehungsweise Lokalteil! Donnerwetter! An dieser Stelle hätte ich gerne mal eine Studie darüber gesehen, wie viel Prozent der regelmäßigen Leser von Fußballzeitschriften sich für Fußball interessieren.
Alleinstellungsmerkmal nicht auf ewig gepachtet
Denn für den überregionalen Teil interessieren sich von den Befragten nur 35,7 Prozent. Ich weiß nicht, ob jemand bei der Auswertung dieser Studie jemals daran gedacht hat, dass sich vielleicht nur so wenige Leser für den überregionalen Teil interessieren, weil sie Welt- und Deutschland-News längst im Überfluss im Internet finden. Die lokalen News dagegen sind bislang noch meist ein Alleinstellungsmerkmal der Lokalzeitungen. Das heißt aber nicht, dass das auf ewig so bleibt. Vielerorts, vor allem in Regionen mit Regionalzeitungs-Monopol, wächst eine beachtliche journalistische Konkurrenz im Internet heran. Aber die wird vom Print-Establishment nur allzu gern als unprofessionelle Internet-Spinnerei abgetan. Dass dort tatsächlich eine ernstzunehmende Konkurrenz entstehen könnte, die im Hoheitsgebiet der Lokalzeitungen – der Lokalberichterstattung – wildert, wird nur allzu gern weggewischt.
Mauern zwischen Print und Online
Doch Moment, es kommt noch viel besser. Ein weiterer Teil der Befragung, die im Übrigen (man höre und staune) online stattfand, bezog sich auf den Internetauftritt der jeweiligen Regionalzeitung. Auch hier kam die Untersuchung zu der bahnbrechenden Erkenntnis, dass 51,7 Prozent der Leser am Online-Auftritt ihrer Zeitung den Lokalteil schätzen. Aber, aufgepasst: Ohne den kleinen, aber bedeutenden Hinweis, dass rund zwei Drittel (!) der regelmäßigen Regionalzeitungs-Leser den Online-Auftritt ihrer Zeitung überhaupt nicht nutzen, könnte man an dieser Stelle auch schon wieder in Jubelschreibe über die Rettung der Lokalzeitungen ausbrechen. Denn diese Erkenntnis ist im Grunde eher besorgniserregend: Wenn es der Zeitung nicht gelingt, Zeitungsnutzer auf ihre Internetseite zu holen, gelingt das wohl auch kaum umgekehrt. Zwischen Print und Online stehen Mauern – und die stehen vermutlich auch in den Köpfen vieler Verantwortlicher. Dabei müsste doch einleuchten, dass ohne sinnvolle Konzepte zur Verknüpfung und Ergänzung von Zeitung und Internetauftritt beides früher oder später in der Bedeutungslosigkeit versinkt.
Könige ohne Land
Überhaupt lässt die gesamte Befragung erhebliche Zweifel daran, dass sich die Lokalzeitungs-Branche nun auf ihren Ergebnissen ausruhen kann, so schön sie auch klingen mögen. Die hohen Prozentzahlen täuschen über die Tatsache hinweg, dass den meisten Lokalzeitungen rapide die Leser davonlaufen. Wir kennen dieses Phänomen aus der Politik: Wenn bei Bürgermeisterwahlen ein Amtsinhaber mit „überwältigender Mehrheit“ von 75 Prozent in seinem Amt bestätigt wurde, wähnt er einen großen Teil der Bevölkerung hinter sich. Liegt die Wahlbeteiligung aber nur bei 39 Prozent, sieht das Ergebnis schon wieder gar nicht so rosig aus: Der Rückhalt des Bürgermeisters im Verhältnis zur Gesamt-Bevölkerungszahl schrumpft auf ein Minimum; der Großteil der Bevölkerung interessiert sich nämlich de facto kein bisschen für ihn.
Lokales auf Seite eins reicht nicht
Mehr Lokalbezug, wenn er denn gut gemacht ist, kann den regionalen Tageszeitungen in Deutschland nur gut tun, daran habe auch ich keinen Zweifel. In einer immer komplizierteren, globalisierten Welt suchen die Menschen nach Halt und Orientierung, dies kann der Lokalteil ihnen geben, indem er erklärt, einordnet und herunterbricht. Dennoch dürfen sich die etablierten Lokalzeitungs-Macher nicht darauf versteifen, dass alles wieder gut wird, wenn sie Lokalnachrichten auf Seite eins der Zeitung holen und sich danach zurücklehnen. Gleichzeitig müssen sie Konzepte finden, wie sie auch Online zu einer festen Größe werden und neuen Anschluss finden statt sich abzukapseln. Jeder, der den Untergang des Print-Abendlandes beweint und den schwarzen Peter dem Internet zuschiebt, sollte endlich anfangen, das Web mit seinen vielfältigen Kommunikationsmöglichkeiten für sich zu nutzen, statt sich hinter Papierbergen zu verbarrikadieren. Niemand ist eine Insel – aber viele Lokalzeitungen sind auf dem besten Weg dorthin, wenn sie nicht von ihrer Wolke sieben heruntersteigen. Oder fallen. Und dabei hart aufschlagen.



[...] Dieser Eintrag wurde auf Twitter von Hessenreporter.de, Peter Löwenstein und Peter Löwenstein, Meike Mittmeyer erwähnt. Meike Mittmeyer sagte: RT @Gersprenz Hurra, wir leben noch! Print-Lokalzeitungen müssen langsam aufwachen. » Regioblog http://bit.ly/9VKmDl [...]
Sehr schöner Text. Nicht nur, weil er ziemlich genau dem Thema meiner Diplomarbeit entspricht.
Dazu ein Lesetipp, heute verfasst von einem Journalisten aus unserer Region:
http://www.textclip.de/2010/03/24/305/von-der-auflosung-der-zeitungsbucher/