
Sprecher der Darmstädt Staatsanwaltschaft, Staatsanwalt Ger Neuber
Missbrauchte Schüler und die Schule sollen sich doch bitte bei ihr melden, nicht bei der Presse
Darmstadt/Heppenheim (pdh) Das war doch mal eine Aussage vom Sprecher der Staatsanwaltschaft am Landgericht Darmstadt. Fast beleidigt spricht Ger Neuber am Mittwoch in die Mikrofone des Hessischen Rundfunks, dass die soeben erneut aufgetauchten Missbrauchsvorwürfe in Zusammenhang mit der Heppenheimer Odenwaldschule (OSO) für die Behörde völlig überraschend kamen und sie wieder einmal keine Ahnung von den Vorgängen und Entwicklungen in ihrem eigenen Zuständigkeitsbereich gehabt habe.
Traurig, welche Ahnungslosigkeit eine Behörde ohne jeden Aufklärungswillen an den Tag legt. Es gibt ja auch schönere Anlässe, die Macht der Staatsanwaltschaft zu demonstrieren. So kann man eine Sängerin der „No Angels“ durchaus publikumswirksam am Abend in einer gutbesuchten Diskothek verhaften, statt sie morgens oder mittags unauffällig in ihrer Wohnung festnehmen.
Die Odenwaldschule dagegen, und vor allem alle ihre früheren Lehrer und ehemalige Direktoren, waren tabu für die Behörde, die sich eifersüchtig die exklusive Strafverfolgung in Deutschland vorbehält. Eigenständige Ermittlungen, nachdem bereits seit vier Wochen die Vorwürfe im Raum stehen, Rücktritte und Eingeständnisse vorliegen, gibt es wohl gegen Gesangstars, aber nicht gegen frühere oder aktuelle pädophile Pädagogen.
Die Presse darf die Arbeit erledigen, für die es eine eigene Behörde gibt. Bei ihr und der aufklärungswilligen derzeitigen Schuldirektorin melden sich die früheren Opfer, sofern sie noch leben, vier sollen sich nach aktuellen Berichten das Leben genommen haben.
Bereits vor fast zwei Jahrzehnten hat wahrscheinlich neben der Polizei Heppenheim auch die Darmstädter Staatsanwaltschaft kläglich versagt, als Briefe und Beschwerden der Schüler an der OSO nicht ernst genommen worden waren. In trauter Einigkeit mit den Kultusministern Hartmut Holzapfel und Karin Wolff, die nach eigenem Bekunden auch keine Ahnung von den Vorfällen haben wollen, wurde das traurige Kapitel unter einen dicken Teppich gekehrt.
Gegen zehn ehemalige Lehrer ermittelt inzwischen die Darmstädter Strafverfolgungsbehörde, zwei davon sind mittlerweile verstorben. Gern hätte man sich wohl mehr Zeit genommen und eine biologische Aufarbeitung der Fälle vorgezogen. Bedauerlicherweise renne man nun den Informationen hinterher, so Neuber im Interview, die die Odenwaldschule der Presse, aber nicht den Staatsanwälten gebe. „Wir werden auch das prüfen müssen“, sagte Neuber zu den nun öffentlichen Vorwürfen gegen einen zweiten ehemaligen Schulleiter, und die Wortwahl des Sprechers spricht Bände. Hier wird zum Jagen getragen. Meriten kann man sich bei dem Thema nicht erwerben, zumal sich in diesem Zusammenhang weit und breit kein Schlagerstar zur Verhaftung anbietet.

