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Barcamp Kirche 2.0 – die Speerspitze der kirchlichen Netzwerkaktivisten in Frankfurt

Von Peter Löwenstein • 3. Mai 2010 • Kategorie: Südhessen
barcamp kirche 2.0

barcamp kirche 2.0

In Frankfurt organisierte Tom Noeding das erste Barcamp der Evangelischen Kirche. Was ein Barcamp ist, kann hier nachgelesen werden.

Ich traf am frühen Samstagmittag rechtzeitig zur ersten Session ein, gespannt wie die Evangelische Kirche im ersten deutschen Barcamp “ihre Zukunft von Kirche und Glaubenskommunikation im Web 2.0 und darüber hinaus” anpackt. So war die Selbsteinschätzung in einem Tweet bei Twitter zu lesen.

Wie die Evangelische Kirche ihre eigenen Angebote in den Medien z.B. mit innovativen Radioformaten neu verpackt erlebte ich vor ein paar Jahren beim Radio Weinwelle, dem Winzerfestradio des Dekanats Groß-Umstadt in Südhessen für eine Woche im September. Aus nächster Nähe am Mikrofon und bei den wochenlang vorher gestarteten Überlegungen zur Sendekonzeption.

Und nun ein Barcamp der Evangelischen Kirche zum Thema Internet im Herzen Bornheims, dass mit seiner kleinstädtischen Idylle die angereisten gut 50 Gäste verblüffte. Die Stimmung war gut, die Organisation super, dass Essen von gewohnter kirchlich-solider Qualität (Kaffee, Nachtisch und Kuchen sind bei kirchlichen Events regelmäßig die Highlights, so auch hier). Ich hörte nicht ein Wort der Kritik über das Orgateam, von den bei Barcamps normalen Wünschen nach strafferem Zeitmanagement, mehr Steckdosen und einem besseren WLAN mal abgesehen.

In den von mir besuchten Sessions wurde ergebnisoffen, mit Leidenschaft, wachem Verstand und einer unglaublichen Toleranz für andere Meinungen diskutiert. Von verhärtetem Lagerdenken keine Spur. Doch wenn sich in diesem Barcamp nach eigener Einschätzung der Organisatoren wirklich erstmals “die Speerspitze der christlichen Netzaktivisten” versammelte, dann lag in dieser Stärke auch ihre größte Schwäche: Mir fehlten meinungsstarke, unabhängige und externe Perspektiven auf die Netzwerkaktivitäten der Evangelischen Kirche. Vermisst habe ich auch die sonst z.B. bei Twitter gut wahrnehmbaren meinungsstarken Persönlichkeiten aus dem eigenen Haus, die zum Politcamp und der re:publica vor wenigen Wochen in Berlin noch unüberhörbar ihre kritischen Positionen z.B. zum Thema Feminismus, Nerds und Internet äußerten und nun beim Barcamp des eigenen Arbeitgebers fehlten. Übrigens genau wie die Vertreter großer kirchlicher Einrichtungen aus dem Frankfurter Raum, wo der Evangelische Regionalverband z.B. das größte Frauenzentrum Hessens aufgebaut hat.

Die Themen der Sessions waren reizvoll aufgespannt: Öffentlichkeitsarbeit im Netz, Fundraising und Sponsoring, Einrichtung eines Content-Management-Systems zum Betrieb einer kirchlichen Website, Erfahrungsberichte zum Nutzen von Twitter, Facebook und eigenen dialogorientierten Webseiten.

Für mich war bei einigen Teilnehmern ein eigentümlicher Vorbehalt in den Sessions zu spüren, kritisch nachfragende und die eigenen Aktivitäten auch hinterfragende Perspektiven anzunehmen. Am späten gestrigen Nachmittag bei der letzten Session des ersten Tages passierte mir dann dies: Vor meinem inneren Auge sah ich das Bild eines Pastors vor dem Kirchenaltar, der während seiner Sonntagspredigt plötzlich eine erhobene Hand aus der ersten Bank im Kirchenraum bemerkt, in seiner Rede stockt und in der dann einsetzenden tiefen Stille ungläubig feststellen muss, dass sich der Mensch mit der erhobenen Hand erhebt, zu all den Gesichtern in seinem Rücken umdreht und sich, -nunmehr ihm, dem Pastor den Rücken zukehrend-, an die Gemeinde wendet: “Ich hab da mal ne Frage, wegen den Missbrauchsfällen mit dem katholischen Pfarrer da im Nachbarort. Einige von uns haben ja ihre Kinder bei seiner Jugendfreizeit angemeldet, und jetzt frag ich mich wie das weitergehen soll, weil der im Amt bleiben soll… ” Und die Gemeinde hört zu und antwortet dem Fragesteller. Der Pastor ist abgemeldet, steht plötzlich ausserhalb des Dialogs seiner eigenen Gemeinde zu kirchlichen Fragen. Ein so unvorstellbarer Vorgang für eine Kirchenandacht im Real Life, sicher.
Und doch zeigt mir dieses Bild auch die derzeitige Realität, wie sie ganz woanders, abseits der Kirchen im Internet erlebbar ist. Und die Pastoren und Pfarrer verpassen diesen Dialog mit ihrer eigenen Gemeinde- und verspielen damit auch die über Jahrhunderte erworbene Themenkompetenz als Ansprechpartner für breit diskutierte Fragen an die eigene Kirche.

In den Kaffeegesprächen konnte dieser eigentümliche Vorbehalt dann klarer formuliert werden.
Für den religiösen Dialog im Internet gilt für Pfarrer und Pastoren etwas Ungewohntes: Die dialogorientierten Social Media Plattformen bieten keine der gewohnten, überhöhenden Kanzelrollen für die Darstellung religiöser Inhalte oder Stellungnahmen an. Denn im Internet ist der Dialog auf gleicher Augenhöhe. Keine der beiden großen christlichen Kirchen kennt in ihren eigenen Strukturen die Vermittlung von kirchlichen Glaubensinhalten mit gleichwertiger Stellung des Vermittlers und des Gemeindemitglieds. Der Vermittler (Pastor, Pfarrer, Bischof ) der Kirche lebt sein Amt überhöht. Kirchen setzen für den religiösen Dialog ausschließlich auf ihre fein abgestuften, autoritären Strukturen: Je höher das Kirchenamt, als desto wertvoller und bedeutender werden die religiösen Botschaften und Zeremonien der jeweiligen Amtsinhaber gewertet und für die Gemeinde inszeniert.

Wundert es da, dass sich vor allem die unter 25-jährigen, bei denen das Internet mittlerweile zum Rückgrat ihrer kulturellen Identität und Kommunikation wurde, von den Angeboten der Kirchen zunehmend weniger berührt zeigen? Wenn im Internet der Dialog unter Gleichen täglich gelebt wird, am ehesten zu vergleichen mit einem Telefonat, dann findet sich dafür bei den beiden großen Kirchen keine adäquate Lösung für die Vermittlung religiöser Inhalte an ihre Gemeinde im Netz.

Eine auf den ersten Blick naheliegende Lösung war in einer Session zur Sprache gekommen: Warum kennt die Evangelische Kirche z.B. keine Webseelsorger? Die Antwort war für mich verblüffend: Weil der Erfolg der Seelsorge im Netz offenbar ökonomisch nicht kontrolliert werden kann; was nicht akzeptabel ist in Zeiten leerer Kirchenräume, wo jeder Gemeindepastor auf dem Prüfstand steht, ob sein Wirkungsbereich mit der Nachbargemeinde zusammengelegt werden sollte um durch die dann mögliche Streichung von Pastorenstellen vor Ort Geld zu sparen.

Unübersehbar wurde auch immer wieder die Frage gestellt: Wie kann die Kirche Twitter, oder Facebook oder ein Content Management System, oder andere Angebote von Internet-Dienstleistern so nutzen, dass die Kirchenräume sich wieder füllen, die örtliche Gemeinde wieder mit mehr Leben gefüllt wird? Unübersehbar die Ähnlichkeit dieser Fragen zu den Bemühungen der Parteien vor den letzten Wahlen, ihre potentiellen Wähler und die eigenen Unterstützer im Internet von sich zu überzeugen, um nach der Wahl mit dem Kampagnenende auch die Aktivitäten der Kandidaten bei Twitter, Facebook & Co einzustellen und die Unterstützer sich selbst zu überlassen. Mittlerweile weiß man: Funktionierende politische Dialoge in Social Medien brauchen einen langen Atem und Stetigkeit.

Die Web 2.0 Lösungen von Parteien und Kirche ähneln sich
Es würde sich für die evangelische Kirche lohnen, einen Blick auf die Geschichte der Internetpräsenz von Parteien zu werfen, wie und mit welchem Ziel Internetplattformen bereitgestellt wurden. Gemeinsames Merkmal: Marketingagenturen wurden beauftragt, um Internetlösungen zu konzipieren und in Betrieb zu nehmen, und die wichtigste Frage blieb unbeantwortet: Wie verhält man sich eigentlich, wenn die Zielgruppe im Internet antwortet, also den Dialog auf den eigenen Webangeboten auch mit womöglich kritischen Fragen startet? Die im Barcamp angesprochenen realisierten kirchlichen Web-Lösungen floppten offenbar auch deshalb, weil der Feedback-Kanal zu den kirchlichen Würdenträgern vernachlässigt wurde.

Offene Bibel
Beim Barcamp Kirche 2.0 gab es viele interessante Vorschläge und Projekte. So wurde ein Verein gegründet, um erstmals eine offene Bibel auch übers Internet anzubieten, deren Nutzung und beliebige weitere Verarbeitung frei von Lizenzrechten Dritter ist. Ich wusste gar nicht, dass alle bisherigen Bibelversionen durch Lizenzrechte z.B. der Übersetzer nicht frei verwendet oder weiter entwickelt werden dürfen. Die Idee hat Charme: Endlich eine Bibelversion bereitstellen, die von jedem nach eigenen Vorstellungen überarbeitet werden kann, um sie z.B. in einer moderneren Sprachversion anzubieten. Wäre als Gemeinschaftsprojekt mit einem Wiki machbar. Ich fragte mich, warum zum Teufel übernimmt die oberste Spitze der Evangelischen Kirche Deutschlands diese Idee “Offene Bibel” nicht schon längst?

Für mich hatten viele dieser Lösungen den Geschmack von Notbehelfen, von Provisorien, von singulären Lösung ohne Einbettung in eine umfassende Konzeption, mit der die Evangelische Kirche ihren Auftritt im Web auf lange Sicht ausgestaltet.

Am zweiten Barcamp Tag wurde das dann greifbarer: Kann die Evangelische Kirche ihre Rolle im digitalen Lebensraum finden, ohne ihre Prozesse und Entscheidungsstrukturen zu überdenken – eine Frage, die bei den Altvorderen offenbar bisher kein Thema ist. Die Frage wurde dann gestellt: Fehlt es an Internetkompetenz in den eigenen Reihen der Entscheidungsgremien der Evangelischen Kirchenleitung?

“Wir müssen unter dem institutionellem Radar fliegen”
Mit diesem in einer Session geäußerten Satz wurde deutlich, dass viele Akteure der vorgestellten und meist in Eigenregie geplanten Internet Lösungen der Evangelischen Kirche intern vorsichtig agieren, um mit ihrem Projekt nicht in die zähen Entscheidungsprozesse der Kirchenspitze zu geraten.

Entscheidungen, die in ihrem Ausgang gefürchtet werden. Mit wurde klar: Weniger die technische Realisierung dialogorientierter Angebote im Internet sollte bei einem Kirchenbarcamp thematisiert werden, sondern eher ob die kirchlichen Entscheider offene und transparente Dialoge im Internet, gezeichnet mit dem Namen “Evangelische Kirche” für ihr Lebenswerk als Gefahr ansehen, und wie man diese Problematik in einer konstruktiven Auseinandersetzung mit der Kirchenleitung mit einem Thesenpapier adressiert.

Das Thesenpapier dazu ist bei Evangelisch.de nachzulesen.
Mehr von Evangelisch.de zum Barcamp Kirche 2.0
Der Verein Offene Bibel

Das Fazit überlasse ich Tom Noeding:

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3 Kommentare »

  1. Lieben Dank für den ausführlichen Beitrag & dass du mit dabei warst.

  2. Gut erkannt: Die Kirchenpräsidien wissen nicht, wie sie mit der Kommentarfunktion umgehen sollen und dass zum ersten Mal in der Kirchengeschichte Gemeindemitglieder selbständig religiöse Inhalte in aller Öffentlichkeit (!!) diskutieren können, ohne dass die Kirchenleitung darüber Bescheid weiß oder dies antizipiert.

  3. Cool, dass du da warst – jetzt erst gelesen… ich wollte eigentlich auch kommen, hatte dann aber zu viel um die Ohren und es leider nicht mehr geschafft. Schade. Danke für den langen Bericht und das Video, sehr schön. Hoffentlich klappt’s 2011 bei mir auch.

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