
b26 - Ausbau Dieburg - Babenhausen
Dreispurig soll sie werden, die Bundesstraße 26 im Abschnitt zwischen Dieburg und Babenhausen. Klingt einleuchtend für jeden, der schon mal im Feierabendverkehr auf der Strecke unterwegs war. Wer aber meint, dass einfach nur eine zusätzliche Spur hinzukommt, irrt: Vor den Toren Altheims soll ein riesiges Konstrukt aus Kreiseln, Brücken und Ausfahrten entstehen. Ein Highway vor der Haustür. Viele Altheimer Bürger erfahren an diesem Mittwochabend auf der Bürgerversammlung erstmals von den Plänen des hessischen Amtes für Straßen- und Verkehrswesen. Nach einer ersten Phase stiller Fassungslosigkeit überschlagen sich die Fragen. Und schnell zeichnet sich ab: Die Herren vom Amt machen sich hier heute Abend keine Freunde.
„Ein Monstrum“, raunt es durch die Reihen in der Altheimer Sport- und Kulturhalle, als die Planer ihre hübsch gemachte Animation der neuen B26 über den Bildschirm flimmern lassen. Der Zuschauer rast aus der Vogelperspektive über die neue, ausgebaute Strecke hinweg. Wüsste man nicht, um welche Straße es wirklich ginge, würde man meinen, über das Frankfurter Kreuz hinwegzufliegen.

Die Straße wächst nach oben
Zwei Ein- und Ausfahrten soll der kleine Münsterer Ortsteil künftig an der neuen Bundesstraße haben, wie bisher auch – aber eine einfache Ampelkreuzung genügt dann nicht mehr. Drei Kreisel sollen im bisher freien Feld entstehen, mit jeweiligen Zu- und Abfahrten. Auch mit der Ebenerdigkeit der Strecke soll es vorbei sein: Um die bisherige direkte Einmündung der Münsterer Straße abzuschneiden, wird die B26 angehoben, hoch genug für eine Brücke. Auch die Radverbindung zwischen Münster und Altheim soll künftig über eine Brücke laufen.
Nichts soll mehr den Verkehrsfluss behindern, darum werden auch Landwirtschaftsfahrzeuge im neuen Entwurf auf die Radwege ausgelagert. Die Planer reden von „mehr Sicherheit“ und einer „besseren Erreichbarkeit der Region“.
Angst vor Lärm und sinkender Attraktivität
Die Bürger haben aber ganz andere Sorgen. „Was ist mit dem Lärm?“, ereifert sich eine Frau, die jetzt schon als direkte Anwohnerin unter dem Krach der Bundesstraße zu leiden hat. „Die Autos werden doch dann noch schneller fahren!“ Die Frage nach ausreichenden Lärmschutzmaßnahmen sei tatsächlich noch nicht abschließend geklärt, räumen die Planer ein. Es klingt für viele so, als sei es zweitrangig, was der Bau für die Anwohner bedeutet. Hauptsache, die „verbesserte Infrastruktur“ erhöht die „Attraktivität der Region.“ Was aber eine dreispurige Schnellstraße, die teilweise nur zwanzig Meter an den ersten Häusern Altheims vorbeiführt, für die Attraktivität des Ortes bedeuten könnte, bleibt unbeantwortet im Raum stehen.
Vogelschutzgebiet verhindert Verlegung
Die Stimmung in der Sport- und Kulturhalle erhitzt sich, Bürger springen auf und rufen ohne Mikrofon Fragen in den Raum oder machen Vorschläge, die Strecke zu verlegen, weiter weg von Altheim. „Da ist ein Vogelschutzgebiet, das können wir nicht“, verteidigen sich die Planer. „Also sind die Vögel mehr wert als die Menschen?“, ruft jemand dazwischen und erntet Applaus. Die Diskussion ist an einem sensiblen Punkt angelangt, spätestens jetzt beginnt die Sachlichkeit zu kippen, vielleicht war sie aber auch nie da, denn das Projekt klingt in seiner Gesamtheit so abstrus, dass man es für einen Aprilscherz Ende Mai halten könnte.
Sechs-Punkte-Plan der Gemeindevertretung nicht berücksichtigt
„Ich warne davor, den Schutz der Anwohner und den Schutz der Natur gegeneinander aufzuwiegen“, schaltet sich nun der Münsterer Fraktionsvorsitzende der ALMA (Alternative Liste Münster-Altheim), Gerhard Bonifer-Dörr, ein. Er stellt klar, dass die Münsterer Parlamentarier bereits vor zwei Jahren einstimmig einen Sechs-Punkte-Plan verabschiedet haben, der klare Bedingungen für einen Ausbau der B26 stellte. „Von diesem Plan wurde gerade mal ein Punkt berücksichtigt, und zwar die Erhaltung der Radwege“, so Bonifer-Dörr. Beim Planungsentwurf wurden also offenbar nicht nur die Anwohner, sondern auch die Münsterer Politiker übergangen.
Diskussion dreht sich im Kreis
Es sieht an diesem Abend nicht mehr so aus, als könnten Planer und Bürger auch nur in irgendeinem Punkt zusammenfinden. Nach über zwei Stunden dreht sich die Diskussion immer wieder im Kreis: Während die Bürger ein höheres Verkehrsaufkommen vor allem von LKW befürchten, relativieren die Planer mit Verkehrsschätzungen, die kein höheres Aufkommen prognostizieren. Während Mütter befürchten, die Kinder der unmittelbar neben einer geplanten Auffahrt liegenden Schule könnten versehentlich mit dem Fahrrad auf die Schnellstraße auffahren, betonen die Planer die verbesserte Sicherheit der neuen B26.
„Das ist bis jetzt nur ein Plan“, heißt es immer wieder seitens der Vertreter von Amt und Planungsbüro. „Wir nehmen Ihre Anregungen mit und werden darüber reden.“
Da wird es viel zu reden geben. Denn auch schon in Hergershausen und Harpertshausen hat sich Protest gegen die Ausbaupläne formiert.
Kartenansicht Heute – vor dem geplanten Ausbau – Größere Kartenansicht
Trennung wird verschärft
„Dieser Ausbau wird Münster und Altheim zerschneiden“, gibt eine Frau spät am Abend noch zu bedenken. Schon jetzt bildet die B26 eine unverkennbare Trennlinie zwischen der Muttergemeinde und ihrem Ortsteil. „Wie würden Sie das finden, wenn bald eine erhöhte Straße nicht einmal mehr die Sicht nach Münster ermöglicht?“, fragt die Besucherin an den Münsterer Bürgermeister Walter Blank gerichtet. Eine klare Antwort darauf bekommt sie nicht.
Brücken stehen normalerweise symbolisch für etwas Verbindendes; für den zaghaften Versuch, sich einander anzunähern. Beim Fall B26 ist das anders. Hier werden Brücken gebaut und damit direkte Wege ersetzt. Aber es geht ja um die „Erreichbarkeit unserer Region“ insgesamt. Dafür müssen die Anwohner „kleine Umwege“ akzeptieren, erklären die Planer. Kleine Umwege über Brücken und Kreisel.
Update:
Die Diskussion greift auf die Parteien über: SPD Münster: Einhellige Ablehnung der Entwurfsplanung zum Ausbau der B26
Echo Online: Fragen zu Lärmschutz und Anbindungen


