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Wehrdienst verkürzt – Sozialdienste werden teurer

Von DieBlogBurg • 7. Jul 2010 • Kategorie: Dieburg

Die Bundesregierung hat am 17. Juni diesen Jahres die Verkürzung des Wehrdienstes von neun auf sechs Monate beschlossen. Soziale Einrichtungen stehen dem Spargesetz kritisch gegenüber. Auch die Lebenshilfe Dieburg e.V. , ein Verein für Menschen mit Behinderungen, ist vom Beschluss der schwarz-gelben Koalition betroffen. 

Banner der Lebenshilfe Dieburg e.V.

Wenn im August in Dieburg die neuen Zivis ihren Dienst in der Aschaffenburger Straße 18 antreten, wird sich etwas Grundlegendes geändert haben. Nur noch sechs statt neun Monate werden sie Kinder mit Behinderungen bei dem Besuch einer Regel- oder Sonderschule begleiten und unterstützen, am Unterricht teilzunehmen. Die Schulische Integrationshilfe ist einer von sechs Aufgabenbereichen der Lebenshilfe Dieburg, die seit zwei Jahren im Gebäude des ehemaligen Katasteramtes zu finden ist. Rund 350 Mitglieder helfen im Ostkreis Darmstadt-Dieburg Menschen mit Behinderungen, ein Leben in weitgehender Selbstbestimmung und sozialer Integration zu ermöglichen. Zivildienstleistende waren bisher ein fester Bestandteil in der knapp 40-jährigen Geschichte der Lebenshilfe Dieburg. Dort kommen sie überwiegend in der Schulischen Integrationshilfe, der Persönlichen Assistenz und bei den 17 regelmäßig stattfindenden Freizeitgruppen für Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Behinderung zum Einsatz. Die Verkürzung des Wehrdienstes führt aller Voraussicht nach zu einem Bruch mit dem bewährten System.

Zivis auf dem Abstellgleis

„Bei Stellen, in denen Zivis relativ schnell eingearbeitet werden können, gibt es keine Probleme mit der Verkürzung, aber im sozialen Bereich sehe ich kaum Möglichkeiten vernünftig zu arbeiten“, sagt Belinda Mann, eine von zwei gleichberechtigten Geschäftführerinnen der Lebenshilfe Dieburg. Mit ihrer Meinung ist sie nicht alleine. Vor allem im Rettungsdienst wird beklagt, dass sich ein Einsatz von Zivildienstleistenden durch die Verkürzung auf sechs Monate kaum noch lohne, da allein die Ausbildung mehrere Monate in Anspruch nehme.
Bei der Lebenshilfe ist es ähnlich. Die neuen Zivis lernen zu Beginn ihrer Dienstzeit in einem sechswöchigen Einweisdienst Hebetechniken, den Umgang mit Behinderungen, Wickeln und Füttern, immer zugeschnitten auf das jeweilige Kind, dass sie in ihrer Zeit bei der Lebenshilfe betreuen werden. Hinzu kommen Fortbildungsveranstaltungen, Urlaubstage und Ausfälle durch Krankheit. „Drei Monate brauchen unsere Zivis schon zum Freischwimmen“, weiß Mann.

Zur Zeit sind sieben Zivildienstleistende bei der Lebenshilfe tätig. In einer 38,5 Stunden Woche verbringen sie die größte Zeit (25 bis 30 Stunden) in der Schulischen Integrationshilfe. Mit sechs Monaten Dienstzeit könne man in diesem Bereich nichts mit den Zivis anfangen, kritisiert Mann das neue Gesetz. Dabei geht es ihr aber nicht nur um die Zeit, die durch die Einarbeitung wegfällt, sondern auch um die Menschen, die betreut werden. Schon am ersten Tag lernen die Zivis ihre Schützlinge kennen. Trotzdem dauert es eine gewisse Zeit, bis diese sich an ihre Helfer gewöhnt haben. „Ich habe in meiner Zivizeit bei der Lebenshilfe einen autistischen Jungen betreut und es hat schon zwei Monate gedauert, bis ich einen richtigen Zugang zu ihm gefunden hatte“, erzählt Fabian Römer. Der 23-jährige war zwischen 2006 und 2007 bei der Lebenshilfe tätig und sieht die Verkürzung des Zivildienstes in Bezug auf seine damalige Tätigkeit kritisch. Ein Schuljahr dauert in der Regel etwas mehr als zehn Monate. Für die betreuten Schüler sei der Personalwechsel mitten im Schuljahr eigentlich nicht zumutbar. Im Anschluss an den Regeldienst von neun Monaten hätten die Zivis meist freiwillig auf Honorarbasis weitergearbeitet, um zusammen mit ihren Schützlingen das Schuljahr abzuschließen, sagt Mann. Durch die neue Regelung funktioniert dieses Kalkül aber nicht mehr. Zwar besteht für die neuen Zivis die Möglichkeit, ihren Dienst freiwillig von sechs auf zwölf Monate zu verlängern, allerdings sind sie nach den ersten sechs Monaten jederzeit berechtigt zu gehen. Will und kann man sich nicht auf mündliche Zusagen verlassen, muss die Betreuung nun durch andere Kräfte sichergestellt werden.

Eine Kostenexplosion

Die Tanzgruppe "Alla Hopp" auf dem Sommerfest der Lebenshilfe

„Wenn es bei den sechs Monaten bleibt, werden wir künftig nur noch zwei Zivildienstleistende beschäftigen und ausschließlich in der Freizeitpädagogik einsetzen”, schildert Mann. Damit ergeben sich neue Probleme für die soziale Einsatzstelle. Künftig müssten die Aufgaben durch Mitarbeiter, die ein Freiwilliges soziales Jahr (FSJ) oder ein Berufsvorbereitendes soziales Jahr (BSJ) absolvieren, übernommen werden. Meist sind es jedoch Frauen, die sich für einen solchen Dienst bereit erklären. Auf 15 weibliche Bewerber für ein FSJ komme lediglich ein Mann. Bei den Absolventen des BSJ stehe die Quote bei fünf Frauen auf einen Mann. Zur Zeit sind es jedoch überwiegend männliche Kinder und Jugendliche, die es innerhalb der schulischen Integration zu betreuen gilt. Die würden sich leichter auf Männer einlassen als auf Frauen. Bei körperlich Behinderten sei es letztlich eine Kraftfrage. Da kämen meist nur Männer in Frage. „Wir hoffen, dass sich künftig viel mehr Männer für das FSJ und BSJ bewerben“, sagt Mann. Falls nicht ausreichend geeignete Bewerber vorhanden seien, müsse man auf angelernte Kräfte in Teil- und Vollzeit zurückgreifen. Eine angelernte Kraft in Vollzeit würde jedoch das Vierfache von dem Kosten, was ein Zivildienstleistender bekommt. Dies sind derzeit je nach Soldstufe rund 280 bis 600 Euro.
Eine Kostenexplosion, die letztlich wieder auf den Staat zurückfällt: Die Lebenshilfe Dieburg bekommt Kostenübernahmen und Zuschüsse von öffentlichen Trägern wie das Sozialamt, daneben ist sie auf Spenden und Fördermittel angewiesen. „Im Endeffekt spart man damit kein Geld, weil die Betreuung und Pflege teurer wird“, meint Mann. Im Bereich der Freizeitpädagogik würde die Lebenshilfe mit Mehrkosten belastet, bei der Schulischen Integrationshilfe müsse der Staat drauflegen und bei der persönlichen Assistenz würde es den Kunden, den hilfsbedürftigen Menschen teuer zu stehen kommen.

Politische Willkür

Für Mann wäre ein verpflichtendes soziales Jahr die optimale Lösung. „Die sechs Monate helfen niemandem“, sagt sie. Das sei „Willkür der Politik“. Für eine Abschaffung der Wehrpflicht hatte sich auch die FDP zunächst eingesetzt. Die Union trat allerdings für die Beibehaltung ein. Die Verkürzung der Dienstzeit von neun auf sechs Monate ist der Kompromiss, der im Koalitionsvertrag beschlossen und nun umgesetzt wurde. Soziale Einrichtungen werden sich also künftig um geeignetes Personal streiten müssen. „Wir werden die Arbeitsbedingungen bei uns weiterhin so attraktiv wie möglich gestalten“, sagt Mann mit Blick auf die neu geschaffene Wettbewerbssituation. Das gesamte Ausmaß der finanziellen Belastung sei allerdings noch nicht absehbar. Im Moment habe man aber noch Glück. Die derzeit beschäftigten Zivis würden alle verlängern wollen. Doch die Aussichten sieht Mann eher düster: „Ich baue nicht mehr auf den Zivildienst, der wird abgeschafft, früher oder später.”

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