Leserbriefe der BI gegen einen Ausbau der K 129
Autor: Dr. Müller-Broll, Bürgerinitiative gegen einen Ausbau der K129, Ober-Ramstadt
Im Herbst 2003 wurde das Projekt einer Ost-Umgehung für Ober-Ramstadt von der SPD im Bürgermeister-Wahlkampf erstmals den Bürgern präsentiert.
Zuerst Bernd Hartmann, später Werner Schuchmann argumentierten: Ein Wohngebiet Eiche Ost muss her, die Ammerbachstrasse muss entlastet werden, der Schulweg durch die Sonngasse muss sicherer werden usw. Dies wurde durch die später vorgelegte Machbarkeitsstudie der Verkehrsplaner widerlegt oder als überzogen entlarvt: Der Bahnübergang im Zuge der Ammerbachstrasse soll offen bleiben und der Verkehr aus dem Wohngebiet Eiche fließt weiter durch die Ammerbachstrasse. Es gehen tatsächlich kaum Schulkinder durch die Sonngasse, es gibt ja vier alternative Wege.
Fazit: Die Ostumgehung wird den Ober-Ramstädtern nichts bringen, aber den überregionalen Verkehr anziehen. Ich sehe schon die Schilder an der B26 vor mir: „Lieber Brummi, bitte nicht auf die K129!“ Ist das ein Grund, Werner Schuchmann jetzt zum Bürgermeister zu wählen?
Landrat Jakoubek zitierte in der Presse eine Studie, die von rund 10.000 zusätzlichen Einwohnern im Landkreis Darmstadt-Dieburg bis 2015 ausgeht. Für den gleichen Zeitraum geht die „Machbarkeitsstudie Ostumgehung Ober-Ramstadt“ von 1.900 zusätzlichen Einwohnern und 825 zusätzlichen Beschäftigten allein in Ober-Ramstadt aus. Es ist wenig wahrscheinlich, dass rund 20% der zuziehenden Bürger im Landkreis ausgerechnet den Ostrand Ober-Ramstadts als idealen Wohnort ansehen werden.
Der Landkreis sagt überraschend schnell eine Finanzierung des Projekts zu
Berücksichtigt man alle Fakten (z. B. ist Südhessen in der Gesamtstatistik seit Jahren kein Zuzugsgebiet mehr) ergibt sich folgender Sachverhalt:
• Ein neues Wohngebiet „Eiche Ost“ wird mittelfristig nicht gebraucht
• Der Weg über die Ammerbachstraße ist und bleibt für die Bewohner der nördlich der Bahnlinie die kürzeste und schnellste Verbindung in Richtung Ortsmitte und Darmstadt
• Eine Entlastung der Ammerbachstraße tritt also nicht ein
• Der Landkreis hat kein Geld und muss zahlreiche soziale Einrichtungen schließen.
Trotzdem befürworten fast alle politischen Entscheidungsträger den Bau der Umgehungsstraße. Explizit ausformuliert: Der Landkreis Darmstadt-Dieburg ist bereit, in Zeiten äußerst knapper Mittel rund 3 Mio. € auszugeben, um ein ziemlich realitätsfernes Stadtentwicklungskonzept für Ober-Ramstadt anteilig zu finanzieren!
Eine Antwort auf die Frage „Warum?“ findet sich erst, wenn man auf die Landkarte schaut und eine weiträumige Betrachtung anstellt. Darmstadt hat keine Umgehungsstraße, die nördliche Strecke über den Spessart- und Rhön-Ring Richtung Anschlussstelle Weiterstadt ist für Lkw gesperrt. In der Folge durchquert der über die B26 von Osten kommende Schwerverkehr die Innenstadt in Richtung A 672. Mit der Ost-Umgehung für Ober-Ramstadt und dem Tunnel im Zuge der Umgehung von Nieder-Ramstadt entsteht eine Verbindung B26 – B38 – K129 – B426 – A5 ohne Ortsdurchfahrten. Darmstadt hätte plötzlich eine Südumgehung, auf der sich der gesamte Schwerverkehr aus dem Landkreis in Richtung A5 konzentrieren würde. Durch die Verbindung der B45 zur A3 im Osten und der A67 zur A3 im Westen lässt sich auf dieser Strecke sogar das Frankfurter Kreuz umfahren. Der Einwand, dass dies in dem vorgestellten Planungsstand mit Ampeln und der Durchquerung des Industriegebiets nicht angelegt ist, ist leicht zu entkräften. Wenn die Entscheidung über den „einfachen Bebauungsplan“ erst einmal gefallen ist, lassen sich solche Details korrigieren und bis zur Fertigstellung des Tunnels ist ja auch noch etwas Zeit. Der nächste Schritt – der Ausbau der K129 für den Lkw-Verkehr – kommt dann sofort. Pikanterweise wäre das zukünftige Neubaugebiet „Eiche-Ost“ dann an einer extrem stark von Lkw befahrenen Kreisstraße gelegen, was die Attraktivität nicht gerade erhöht und die bisher vorgelegten Prognosen über den Zuzug weiterer Bürger z. B. zu Lasten der fluglärmgeplagten Gebiete wohl ad absurdum führt.
Die politische Entscheidung über die Ost-Umgehung für Ober-Ramstadt soll offenbar auf einer soliden Basis gefällt werden. Die Verantwortlichen ziehen es lediglich vor, die betroffenen Bürger über die wahren Gründe für das Projekt bewusst im Unklaren zu lassen und schieben die während des Bürgermeisterwahlkampfs angeführten Argumente vor.
Die FDP fordert eine Ost-Umgehung für Ober-Ramstadt
In einer Presseerklärung stellt die FDP durchaus die richtige Frage: Was hat die Attraktivität von Ober-Ramstadt mit der Ostumgehung zu tun? Als Antwort bietet die FDP die schon oft strapazierte Entlastung der Innenstadt vom Verkehr an. Außerdem muss ja – wie ständig wiederholt wird – das MIP-Gelände angebunden werden.
Also gut: Nimmt man als Fahrtziel die Einmündung der Nieder-Ramstädter Strasse in die B426 Richtung Darmstadt bzw. Lohbergtunnel, dann ergeben sich folgende Entfernungen: Von der Mitte des MIP-Geländes durch die Alicestrasse und die Nieder-Ramstädter Strasse auf die B426 fährt man 1,9 km, jedoch sind es 4,2 km über die Steinackerstrasse und die zukünftige Ostumgehung auf die B426 und weiter bis zur Einmündung der Nieder-Ramstädter Strasse in die B426. Die zukünftigen Bewohner des MIP-Geländes werden diesen mehr als doppelt so langen Weg kaum wählen. Die Ostumgehung ist nur als Abkürzung in Richtung Reinheim oder Groß-Bieberau attraktiver als die heutigen innerstädtischen Strassen. Warum Ost-Umgehung?
Bitte stellen Sie mit mir nun folgende Rechnung an: Bis zum Jahr 2015 sollen rund 10.000 Bürger im Landkreis Darmstadt-Dieburg zuziehen. 3% davon, also 300 zusätzliche Einwohner von Ober-Ramstadt (Eiche-Ost oder MIAG-Gelände) können mit 150 Berufspendlern gleichgesetzt werden, davon wollen vielleicht 75% nach Darmstadt oder auf die A5. Diese 120 Pkw würden also morgens und abends zusätzlich über innerstädtische Strassen in Richtung B426 fahren – das ist gerade mal ein Auto pro Minute zusätzlich! Warum Ost-Umgehung?
Es ist richtig, dass der weitere Ausbau der K129 für den Lkw-Verkehr im Stadtparlament nicht zur Diskussion stand – wozu auch, die Entscheidung darüber fällt der Landkreis, nicht das Stadtparlament von Ober-Ramstadt. Nur – was hat der Landkreis Darmstadt-Dieburg davon, eine „kleine“ Ostumgehung für Ober-Ramstadt zu finanzieren, die tatsächlich so gar nicht gebraucht wird?
Die Antwort: Es geht um den Verkehrswegebau in der Region!
Die Ober-Ramstädter FDP macht sich (wie die SPD) höchst folgsam den Standpunkt ihrer Kreistagsfraktion zu Eigen und stellt schließlich – Simsalabim! – die „große Lösung“ als den einzig richtigen Ansatz dar. Das Ganze gipfelt in der Behauptung, der Fernverkehr werde weiterhin über die B26 durch Darmstadt auf die A5 fahren, statt eine „wesentlich kompliziertere Durchfahrt“ bis zur Auffahrt Pfungstadt zu wählen. Offenbar hat die FDP noch nichts von der Einführung der Lkw-Maut und von der Erfindung der GPS-Navigation gehört. Nein, hier am Ortsrand von Ober-Ramstadt soll einfach eine Südost-Umgehung für Darmstadt gebaut und eine Lücke im Fernstraßennetz geschlossen werden, wie es Landrat Jakoubek am 3. Februar in seiner Presseerklärung ja auch offen gesagt hat und wie ich es an dieser Stelle bereits im Oktober 2003 in einem Leserbrief festgestellt habe. Darum Ostumgehung!
Die Ost-Umgehung für Ober-Ramstadt – gut für Wembach-Hahn?
Als Begründung für die Notwendigkeit einer Ostumgehung wurde von den Befürwortern [bis vor wenigen Wochen] die Erschließung des ehemaligen MIAG-Geländes im Nordosten von Ober-Ramstadt und die Entlastung der Ammerbachstraße vom Durchgangsverkehr angeführt. Nun ist aber „die Katze aus dem Sack“: Am 3. Februar 2006 druckten die Odenwälder Nachrichten die Presseerklärung des Landrats ab, und am 7. Februar fand dazu eine Informationsveranstaltung der SPD in der Hammermühle statt. Es geht um eine überregionale Durchgangsstraße, über die der Lohbergstunnel an die B26 und die A3 angebunden werden soll. Außerdem ist die so genannte „Ostumgehung für Ober-Ramstadt“ nun eine „Südostumgehung für Darmstadt“ – dies erklärt auch, warum so viele Politiker des Regierungsbezirks Darmstadt sich plötzlich für diese Straße stark machen.
Für Ober-Ramstadt wäre diese zusätzliche Umgehungsstraße einfach nur schädlich. Da sie in den Hauptverkehrszeiten für Abbieger wohl fast unpassierbar wäre, ist eine Anbindung von Eiche-Ost, MIAG-Gelände und Lichtenberg-Schule völlig unrealistisch. Den Ober-Ramstädtern bliebe zum Verlassen ihrer Stadt nur noch der Ausweg über die Rossdörfer Straße nach Roßdorf. Der Verkehr aus dem Eiche-Viertel würde natürlich weiterhin über die Ammerbach-Straße rollen, verstärkt um zahlreiche Pendler aus dem Dieburger Raum, die auf dem Weg nach Darmstadt den Stau an den Ampeln bzw. Kreiseln vermeiden wollen. Da diese Zusammenhänge den Ober-Ramstädter Bürgern allmählich klar werden, regt sich berechtigter Widerstand gegen die geplante „Autobahn über den Galgenberg“.
Dagegen führt die SPD nun ein neues Argument in die Diskussion ein: Zusätzlich soll die neue Strasse zu einer Entlastung von Wembach-Hahn beitragen, und wer gegen die Ostumgehung ist, nimmt gewissermaßen menschenverachtend in Kauf, dass die Bürger von Wembach-Hahn wenigstens noch „50 bis 60 Jahre unter zunehmendem Verkehr leiden, denn so lange würde es dauern, eine Umgehungsstraße für Hahn zu planen und zu bauen!“ (Zitat Bürgermeister Schuchmann vom 7. Februar 2006).
Würde eine Ostumgehung die Bürger von Hahn tatsächlich entlasten?
Hier hilft ein Blick auf die Landkarte. Die B426 östlich von Hahn sammelt den Verkehr aus Reinheim, Otzberg, Groß-Umstadt, Gross-Bieberau, Fränkisch-Crumbach, Breuberg, Höchst, Bad König und Michelstadt auf dem Weg nach Westen. Derzeit ist südlich einer Linie Jugenheim-Bad König vermutlich der Weg über die B47 und Bensheim zur A5 günstiger. Nach Fertigstellung des Lohberg-Tunnels wird aus dieser südöstlichen Region sogar zusätzlicher Verkehr durch Hahn rollen – und daran wird eine von Norden auf die B426 führende Ostumgehung für Ober-Ramstadt nichts ändern!
Richtigerweise fordert die CDU eine großräumige Verkehrszählung und -planung, denn spätestens wenn die Westumgehung für Reinheim gebaut ist, braucht Hahn eine Ortsumgehung. Heute hält die zeitraubende Ortdurchfahrt Reinheim noch die „eiligen“ Fahrer aus Dieburg, Gross-Zimmern und Gross-Umstadt vom Weg über die B426 ab. Noch schlimmer: Kommt die Westumgehung für Reinheim nicht, wäre eine Ostumgehung von Ober-Ramstadt die beste Ausweichstrecke – und die B426 in Hahn müsste zusätzlich den Verkehr aufnehmen, der heute die B38 durch Reinheim auf dem Weg nach Süden nutzt.
Initiativen gegen Konzeptionslosigkeit und Irreführung
Sowohl die Ober-Ramstädter als auch die Zeilharder Bürgerinitiative gegen die Ost-Umgehung für Ober-Ramstadt kämpfen aber gegen eben diese Konzeptionslosigkeit. Ein Blick auf die Landkarte zeigt, dass die angedachte Ostumgehung für Ober-Ramstadt in einem Abstand von etwa vier Kilometern parallel zur Reinheimer Westumgehung verlaufen würde. Erinnern wir uns: Mit der Ober-Ramstädter Ostumgehung wurde es im Vorfeld der Bürgermeisterwahl im Herbst 2003 ganz eilig. Die SPD sah plötzlich die Notwendigkeit, noch gar nicht existierende Wohngebiete und die Lichtenbergschule schnellstmöglich an die B426 anzubinden (Zitat Bürgermeister Bernd Hartmann: “In drei Jahren muss das Projekt über die Bühne sein!“). Wer sich darüber zu Recht wunderte, wurde schließlich am 7. Februar 2006 durch Landrat Alfred Jakoubek auf einer Informationsveranstaltung in Ober-Ramstadt über die wahren Gründe aufgeklärt: Die K129 soll bis zur B38 ausgebaut werden, um den Lohbergtunnel nach Nordosten anzubinden und so eine Lücke im Fernstraßennetz zu schließen (DA-Echo vom 9.02.2006). Jakoubeks schlichte Erklärung: Bei der Planung des Lohbergtunnels sei man „zu kurz gesprungen“ – das nenne ich Konzeptionslosigkeit, gepaart mit bewusster Irreführung der Bürger.
Leider ist kein Ende von Konzeptionslosigkeit und Irreführung in Sicht: Den Bürgern von Wembach-Hahn redet die SPD nun ein, sie würden durch eine Ober-Ramstädter Ostumgehung vom Durchgangsverkehr entlastet. Dafür gibt es aber keinerlei Indizien, denn weder die Reinheimer noch die Ober-Ramstädter Umgehung werden den Ost-West-Verkehr auf der B426 von Wembach-Hahn fernhalten, dieser wird vielmehr nach Eröffnung des Lohberg-Tunnels weiter zunehmen, denn er besteht (noch) aus Ziel- und Quellverkehr des östlichen Landkreises.
Darmstadt muss uns als warnendes Beispiel dienen: Nach mehr als drei Jahrzehnten verkehrspolitischer Konzeptionslosigkeit sorgte sich die regierende SPD im Jahr 2006 plötzlich um die Gesundheit der Bürger in der Innenstadt – aber unter Zeitdruck und nur dank der rigiden EU-Feinstaubverordnung! Die Folgen: Aktionismus, Streit und Kritik aus dem Landkreis, der sich zu Recht als „Staubbeutel“ von Darmstadt missbraucht fühlt. Ich rate daher allen Bürgern, von den Verantwortlichen auf Stadt-, Kreis- und Landesebene durchdachte, tragfähige Konzepte zu fordern – genau das tun die genannten Bürgerinitiativen. Wenn weiter „zu kurz gesprungen“ wird und die St. Florians-Politik in Zeiten knapper werdender Mittel nicht schnellstens durch eine weitsichtige Planung ersetzt wird, helfen nur Bürgerinitiativen und die Abmahnung per Wahlschein!
Persönliches Fazit
Ich bin ein Gegner der „Ostumgehung K129“, möchte aber auch die heutigen und zukünftigen Verkehrprobleme in Reinheim und Wembach-Hahn gelöst sehen. Das heißt:
• Ich fordere den Bau einer Westumgehung für Reinheim im Zuge der B38
• Ich fordere den Bau einer ortsnahen Umgehung für Hahn im Zuge der B426
• Ich bin gegen eine Verlängerung der K129 östlich um Ober-Ramstadt herum („Ostumgehung“)
Keines dieser Themen darf isoliert und ohne Berücksichtigung der Situation in und um Darmstadt betrachtet werden. Die Folgen einer Öffnung des Lohberg-Tunnels für die weiter östlich an der B426 liegenden Orte müssen ebenfalls bedacht werden. Die permanente Desinformation der Bürger muss beendet werden, Ober-Ramstadt darf nicht Baueropfer einer seit Jahrzehnten verfehlten Verkehrspolitik in Darmstadt werden. Ich kann meine Position daher nicht auf einen isolierten Punkt reduzieren.
Bürgerinitiative gegen einen Ausbau der K129, Ober-Ramstadt
Dr. Gerhard Müller-Broll
Schießbergstr. 2
64372 Ober-Ramstadt
